Biodiversitätskrise: Mehr Effizienz in der Agrarproduktion reicht als Antwort nicht aus


Das Wachstum der globalen Wirtschaft und Bevölkerung zerstört die biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen – vor allem in den Tropen. In der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution wurden die Ergebnisse von einem Forschungsteam unter der Leitung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) gemeinsam mit einem Team vom Institut für Soziale Ökologie (BOKU) publiziert.

Das Wachstum der globalen Wirtschaft und Bevölkerung zerstört die biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen – vor allem in den Tropen. Und das trotz einer weltweit immer intensiveren und damit effizienteren Landwirtschaft. Das berichtet ein Forschungsteam unter der Leitung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) gemeinsam mit einem Team um Karlheinz Erb und Nina Eisenmenger vom Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) publiziert in der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution. Der Anbau von Biokraftstoffen, der eigentlich dem Klima helfen soll, zerstört zunehmend die biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen. Dabei leben die Zerstörer oft weit weg vom Ort der Zerstörung. Die schnell wachsenden Schwellenländer lösen die Industrieländer als Hauptverantwortliche ab. Die Studie macht klar: Neue Technologien zur Effizienzsteigerung reichen nicht. Die Politik muss auch neue Konzepte im Umgang mit Bevölkerungswachstum und für nachhaltigen Konsum entwickeln.

Die Weltwirtschaft und Weltbevölkerung wächst. Menschen wollen Konsumgüter und Nahrungsmittel. Dadurch wird immer mehr Land benötigt, Natur wird in Äcker und Plantagen umgewandelt: eine Gefahr für die biologische Vielfalt und ihre Leistungen für den Menschen (Ökosystemleistungen). Die übliche Antwort der internationalen Politik ist die Steigerung der land- und forstwirtschaftlichen Effizienz mit technischen Mitteln. Nur: Reicht das aus?

Ein internationales Team unter der Leitung von iDiv und MLU haben ermittelt, wie sich die Landnutzung auf die biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen auswirkt und vor allem, wie sich diese Auswirkungen über die Jahre verändert haben. Dabei untersuchten sie, welche Rolle Wirtschaftswachstum und Bevölkerungsentwicklung beim Verlust von Biodiversität und Ökosystemleistungen spielen. Dazu verknüpften die Wissenschaftler Daten zu Vogelbeständen, zur Landnutzung und zur Bindung von CO2 mit ökonomischen Modellen im Zeitraum zwischen 2000 und 2011.

Wirtschaftswachstum als Hauptursache

Die Ergebnisse zeigen, dass wachsende Weltbevölkerung und Weltwirtschaft überall zu mehr Landnutzung führen. Dies zerstört biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen. So erhöhte sich die Zahl der durch Landnutzung vom Aussterben bedrohten Vogelarten zwischen 2000 und 2011 um bis zu 7 Prozent. Im selben Zeitraum verlor der Planet 6 Prozent seines Potenzials, CO2 aus der Luft zu binden, da die Vegetation auf den neuentstandenen Agrarflächen nicht so viel Kohlenstoff einlagern kann wie in den ursprünglichen Ökosystemen.

Der Verlust der Artenvielfalt findet (laut der Modelle) fast vollständig in den tropischen Regionen statt. 2011 lebten über 95 Prozent der durch Land- und Forstwirtschaft bedrohten Vogelarten in Mittel- und Südamerika, Afrika, Asien und im Pazifikraum. Die Fähigkeit der Ökosysteme zur Kohlenstoffbindung schwindet jedoch überall auf der Erde – ein Viertel des Schwundes geht auf land- und forstwirtschaftliche Nutzung von Flächen in Europa und Nordamerika zurück.

In den ersten elf Jahren des Jahrtausends dezimierte vor allem die Rinderzucht die Artenvielfalt. Gleichzeitig nahm der Anbau von Ölsaaten massiv zu, vor allem in Asien und Südamerika. Diese Entwicklung betrachten die Autoren unter anderem als eine Konsequenz der verstärkten Förderung von Biokraftstoffen, die dem Klimaschutz dienen soll.

Schäden in weit entfernten Erdregionen

Außerdem wollten die ForscherInnen herausfinden, welchen Anteil der Welthandel auf die Biodiversität und Ökosysteme hat. Fast jeder Kauf eines Nahrungsmittels beeinflusst indirekt die Natur in der Ferne. Für einen Hamburger etwa werden Rinder geschlachtet, die auf südamerikanischen Weiden stehen oder in hiesigen Ställen mit Soja aus Südamerika gefüttert werden. Dafür werden dort Wälder gerodet, die ursprüngliche Artenvielfalt wird zerstört. Diese indirekte Verantwortung der KonsumentInnen für Umweltauswirkungen in der Ferne nennen ForscherInnen „Telekonnektion“. Durch diese Telekonnektionen lagern die entwickelten Länder 90 Prozent der durch Konsum von Agrarprodukten erzeugten Zerstörungen in andere Erdteile aus.

Im gleichen Zeitraum nahm der Konsum aber auch in anderen Weltregionen rasant zu. Die Schwellenländer holen die Industriestaaten als Hauptverantwortliche für Biodiversitätsverluste ein. „Unsere Ergebnisse zeigen klar: Es ist nicht entweder der Norden oder der Süden, der den Biodiversitätsverlust durch Konsum zu verantworten hat“, so Erstautorin Alexandra Marques (iDiv). „Es sind beide, und Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum beschleunigen diesen Prozess.“ Das sollte in internationalen Naturschutzverhandlungen vermehrt berücksichtigt werden.

„Positive Signale zeigen sich darin, dass alle Weltregionen effizienter wurden, das heißt, die Umweltschäden pro erwirtschafteten Dollar haben abgenommen. Allerdings wachsen Bevölkerung und Wirtschaft zu schnell, als dass sich diese Effizienzgewinne positiv auswirken könnten“ resümiert Nina Eisenmenger, Leiterin des Teams am Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur Wien. Bevölkerung und Wirtschaft wachsen einfach noch schneller als die Umwelteinflüsse der Landwirtschaft sinken. Die Zerstörung der Biodiversität und der Verlust der Ökosystemleistungen schreitet also weiterhin voran.

Die AutorInnen sprechen sich dafür aus, Telekonnektionen in internationalen Verhandlungen stärker zu berücksichtigen, etwa im Rahmen der UN-Nachhaltigkeitsagenda oder der UN-Biodiversitätskonvention. Deren Vertragsstaaten entwickeln derzeit neue Ziele zum Schutz der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme – sie sollen die aktuellen Ziele nach 2020 ablösen. „Ein notwendiges Ziel zur Erhaltung von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen wäre, dass alle Mitgliedsstaaten ihre Wirtschaftspolitik so gestalten, dass Umweltauswirkungen des Konsums in andern Weltregionen minimiert werden. Dies betrifft vor allem jene Staaten, deren Fernauswirkungen die im eigenen Land übersteigen. Nachhaltige Land- und Forstwirtschaft muss darüber hinaus in allen Weltregionen gefördert werden“, so Karlheinz Erb, Leiter des Themenfeldes Landnutzung am BOKU-Institut für Soziale Ökologie. Denn, eine wirksame Umweltpolitik muss den Klimawandel und den Wandel der biologischen Vielfalt gemeinsam denken.

 

Originalpublikation:

Marques, A., Martins, I.S., Kastner, T., Plutzar, C., Theurl, M.C., Eisenmeger, N., Huijbregts, M.A., Wood. R., Stadler, R., Bruckner, M., Canelas, J., Hilbers, J., Tukker, A., Erb, K., Pereira, H.M. (2019). Increasing Impacts of land use on biodiversity and carbon sequestration driven by population and economic growth. Nature Ecology and Evolution, doi:10.1038/s41559-019-0824-3

 

Ansprechpartner:

Nina Eisenmenger, Karlheinz Erb

Institut für Soziale Ökologie

Universität für Bodenkultur Wien

+43 1 47654 73717 bzw. 73715

nina.eisenmenger(at)boku.ac.at, karlheinz.erb@boku.ac.at


11.03.2019