Der Gletscher des Sollipulli in Chile ist im Vergleich zu österreichischen Berggletschern eher untypisch, denn er liegt komplett im Kessel eines aktiven Vulkans. Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der BOKU zeigt nun den rapiden Rückgang des Gletschers seit Beginn des Jahrhunderts. Zudem untersucht es die Rolle der besonderen Lage des Gletschers auf dessen aktuelle und zukünftige Entwicklung inklusive möglicher Auswirkungen auf Wasserressourcen und Naturgefahren in der Region. Die Ergebnisse wurden aktuell im Fachjournal Journal of Geophysical Research: Earth Surface veröffentlicht.

Im Mittelpunkt der Studie steht der Sollipulli-Gletscher in Südchile – ein weltweit seltener Fall eines Gletschers, der vollständig innerhalb eines Einbruchkessels (Caldera) eines aktiven Vulkans liegt und in diesem Fall einen Durchmesser von rund vier Kilometern hat. Die Forschenden zeigen, dass sich der Eisverlust in den vergangenen Jahren massiv beschleunigt hat: Die aktuelle Schmelzrate ist heute mehr als doppelt so hoch wie noch zu Beginn des Jahrhunderts und seit dem Jahr 2000 hat sich die Gletscheroberfläche bereits um rund 70 Meter abgesenkt.

Wenn ein ganzer Gletscher gleichzeitig schmilzt

„Die besondere Form des Gletschers – im Untergrund wie eine Schüssel und oben sehr flach – führt dazu, dass sich der Gletscher anders verhält als typische Gebirgsgletscher“, erklärt Erstautor Jan Erik Arndt vom Institut für Geomatik der BOKU. „Die meisten Gletscher liegen an Berghängen mit großen Höhenunterschieden. Dort bleiben die höchsten Bereiche oft übers Jahr schneebedeckt und dieser Bereich liefert Nachschub für das Eis weiter unten. Die Oberfläche des Sollipulli-Gletscher hingegen ist sehr flach auf nahezu gleicher Höhe. Steigt die Grenze der Schneebedeckung hier nur etwas über diese Höhe an, gibt es sehr schnell keinen Bereich mehr an dem Schnee zu Eis werden kann und der Gletscher verliert über seine komplette Fläche Masse.“

Die Forschenden kombinierten für die Studie Daten erfasst von Satelliten und Flugzeugen, sowie eigene Messungen vor Ort. Dabei zeigte sich, dass sich in Folge des Eisverlusts und durch die spezielle Geometrie des Untergrunds neue Gletscherseen bilden und verändern. Langfristig wird erwartet, dass der gesamte Gletscher zu einem großen Caldera-See werden könnte. In diesem Fall wird auch wichtig sein, wie sich das noch verbleibende Gletschereis in diesem See verhält – bleibt es auf dem Untergrund liegend, oder schwimmt es irgendwann, aufgrund der geringeren Dichte, wie ein Eisberg auf.

Folgen für Wasserhaushalt und Naturgefahren

Diese Entwicklung hätte weitreichende Folgen für den regionalen Wasserhaushalt und auf mögliche Naturgefahren. Das Schmelzwasser des Sollipulli-Gletschers ist derzeit ein wichtiger Teil umliegender Flusssysteme. Sollte das Eis künftig auf einem entstehenden See aufschwimmen, würde dieses seine Funktion als langfristiges Süßwasserreservoir verlieren, da schwimmendes Eis bei seiner Schmelze nicht den Seepegel erhöht und somit nicht mehr abfließt. Gleichzeitig könnten durch den See selbst neue Risiken durch sogenannte Glacial Lake Outburst Floods (GLOFs) entstehen – plötzliche Ausbrüche von Gletscherseen.

Das Forschungsprojekt wurde von Jan Erik Arndt während eines Postdoc-Aufenthalts an der Universidad de Concepción initiiert und seit Sommer 2024 an der BOKU abgeschlossen. Die Universität in Chile ist eine langjährige Kooperationspartnerin der BOKU. „Die Zusammenarbeit mit der Universidad de Concepción war für dieses Projekt entscheidend und soll auch künftig weitergeführt werden“, so der Geowissenschaftler.

Die Studie liefert neue Erkenntnisse darüber, wie empfindlich Gletscher in vulkanischen Hochgebirgsregionen auf den Klimawandel reagieren – und wie wichtig die Geometrie von Gletschern für dessen Konsequenzen sein kann. Ergebnisse wie diese sind auch für andere Gebirgsregionen relevant: Jan Erik Arndt und Forschende der BOKU untersuchen derzeit auch in Österreich die Entstehung und Entwicklung neuer Gletscherseen und führen Messungen zu deren Ausdehnung und Tiefe durch.

Publikation:
Arndt, J. E. et al. (2026): The Decline of a Caldera-Filling Glacier at Volcán Sollipulli, Chile. Journal of Geophysical Research: Earth Surface. DOI: 10.1029/2025JF008882.

Wissenschaftlicher Kontakt
DI Dr. Jan Erik Arndt
BOKU University
Institut für Geomatik
Email: jarndt(at)boku.ac.at
Telefon: +43 1 47654 85712