5. Symposium Konsum Neu Denken: Suffizienz

"Ein gutes Leben durch weniger Konsum – Widerspruch oder Lösungsweg? Die Bedeutung von Suffizienz für den Konsum der Zukunft"

 

Datum:

22-23.09.2022, Präsenzveranstaltung auf der Universität für Bodenkultur

Nähere Informationen werden laufend auf dieser Website aktualisiert. 

Call for Abstracts

Wissenschaftliche Einreichungen sind ab Mai/April 2022 möglich. Nähere Informationen werden zeitgerecht hier veröffentlicht. 

Zum Thema der Veranstaltung

Suffizienz ist im deutschen Sprachgebrauch ein relativ neuer Begriff und subsummiert in seiner Bedeutung einige ältere Begriffe und Konzepte. So kann Suffizienz unterschiedlich verstanden werden, einerseits im Sinne von Reduktion, Mäßigung oder Verzicht, oder aber im Sinne der Frage nach dem „richtigen Maß“. Der Gedanke der Mäßigung hat eine jahrhundertlange Geschichte. Religionen sehen Mäßigung als eine Tugend, Philosophen und Soziologen betrachten sie als einen Weg zu einem guten Leben (e.g., Rosa 2016), und manche Verbraucher*innen sehen darin eine frei gewählte Strategie zu mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung (e.g. Reboucas & Soares, 2020).

Während die freiwillige Einschränkung des Konsums (im Englischen: Voluntary Simplicity) in den westlichen Gesellschaften bislang als Nischenphänomen gesehen werden kann, hat die COVID19-Pandemie die breite Masse der Verbraucher*innen in ihrem üblichen Konsum in beträchtlichem Ausmaß eingeschränkt und so persönliche Erfahrung mit Verzicht auferlegt. Im öffentlichen Diskurs werden - neben nachteiligen Auswirkungen der Lockdown-Phasen – auch mögliche positive kurz- und langfristige Veränderungen durch die Beschränkungen des Konsums von Gütern und Dienstleistungen, der sozialen Kontakte, sowie der Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten besprochen. In diesem Zusammenhang wird beispielsweise Entschleunigung, Besinnung, Wertschätzung für regionalen Wertschöpfungsketten und ökologische Resilienz genannt. Inwiefern die COVID19-Krise mittel- und langfristig eine Änderung in Konsummustern bringen kann – oder möglicherweise das Gegenteil durch nachgeholten Konsum – ist abzuwarten.

Neben dem Ansatz der Suffizienz auf individueller Ebene sind institutionelle/politische (z.B. Anreize), gesellschaftliche (z.B. Werte und Normen einer Gesellschaft) sowie makroökonomische (z.B. Postwachstums-Volkswirtschaften) Rahmenbedingungen wichtige Themenfelder, die gesamtheitliche und interdisziplinäre Betrachtung benötigen. Vor diesem Hintergrund entwickelt sich seit einigen Jahren eine fachübergreifende Debatte, die durch die COVID19-Pandemie aktuell verstärkt wird, ob suffiziente Lebensweisen zukunftsfähig im Sinn einer Nachhaltigen Entwicklung sind

In Bezug auf ökologische Nachhaltigkeit mehren sich die Stimmen, die neben technologischen Innovationen (mit dem Ziel von Effizienzsteigerung und Reduktion von Ressourceneinsatz) die Notwendigkeit einer Änderung von Konsumgewohnheiten für die Erreichung von Klimazielen propagieren (e.g. Vita et al., 2019). Im österreichischen Kontext weisen beispielsweise die Österreichische Bioökonomie Strategie 2019 (BMNT 2019) und der Referenz-Nationaler Energie- und Klimaplan (Ref-NEKP; Climate Change Center Austria et al., 2019) auf diese Notwendigkeit hin. In Bezug auf soziale Nachhaltigkeit stellen sich zeitgleich eine Vielzahl von Fragen, etwa wie sich suffiziente Lebensstile auf verschiedene Gesellschaftsgruppen auswirken, was unterschiedliche Gesellschaftsgruppen unter suffizienten Lebensstilen verstehen und in welchem Maß sie diese akzeptieren, und welche Wirkung solche Lebensstile auf Ressourcen- und Verteilungsgerechtigkeit oder globale wie regionale Chancengleichheiten haben (e.g., Kalt & Lage, 2019). In Bezug auf wirtschaftliche Nachhaltigkeit werden suffiziente Lebensstile sowohl als Chance, jedoch viel häufiger als Bedrohung von Wirtschaftsstandorten und Wohlstand gesehen. Auf individueller Ebene wird Suffizienz in Zusammenhang mit Arbeitszeitreduktion diskutiert (e.g., Pullinger, 2014). Auf betrieblicher Ebene werden vor allem alternative Konsumformen (wie Sharing-Konzepte) und Modelle der Kreislaufwirtschaft verfolgt, um aus einer Reduktion von Besitz neue Geschäftsmodelle zu schaffen (e.g., Bocken & Short, 2020).

Stellt das Konzept der Suffizienz das Paradigma wachstumsorientierter Wirtschaftssysteme in Frage? Können Alternativen (Postwachstumsökonomie; im Englischen: Degrowth) den Wohlstand von Gesellschaften trotz Konsumreduktion langfristig gewährleisten (Weiss & Cattaneo, 2017)?

Die erwähnten Aspekte sind nur einige einer Vielzahl inter- und transdiziplinärer Themen- und Problemfeldern, die mit der Vision von suffizienten Konsumgesellschaften einhergehen, und Ideen- und Lösungsfindung bedürfen. Zentral ist die Frage, ob und wie Suffizienz zu einem gängigen und von der Gesellschaft getragenen Modell werden kann. Im Rahmen des Symposiums sollen Chancen, Barrieren, Herausforderungen und Rahmenbedingungen für suffizientere Konsumgesellschaften näher beleuchtet und aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert werden.

Weiterführende Literatur (KND) - Bamberger Manifest

Zielgruppe

Das Symposium richtet sich an alle interessierten Personen. Expert*innen aus Wissenschaft (Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Psychologie, Philosophie, Nachhaltigkeitsforschung, Bildungswissenschaften, Fachdidaktik, Politikwissenschaft und andere) und Praxis (Politik, Unternehmen, Lehrpersonen an Schulen, NGOs, Soziale Bewegungen) sind ebenso eingeladen, wie Bürger*innen mit Erfahrungen in suffizienten Lebensweisen.

Rückblick auf das PRE-Symposium 2021

Das PRE-Symposium Suffizienz: „Ein gutes Leben durch weniger Konsum - Widerspruch oder Lösungsweg?“ fand am 23.9.2021 online mit den Keynote Speaker*innen Niko Paech und dem Beitrag „All you need is less – eine ökonomische Logik der Genügsamkeit“ sowie Christina Liedtke mit dem Vortrag „Ich möchte leben… wie geht das in einer Welt voller globaler Reduktionsziele?“, statt. Die anschließende Podiumsdiskussion mit den Teilnehmer*innen Kim Aigner (Verein SOL), Johanna Bürger (AK), Livia Regen (DeGrowth Vienna) und Christoph Schneider (WKO) fand unter der Moderation von Ines Omann (ÖFSE) statt.

Sie können die Aufzeichnung des Zoom-Meetings unter folgendem Link abrufen:  https://youtu.be/BDTcIeHNyAo

Veranstalter*innen

Organisator*innen des Instituts für Marketing & Innovation (BOKU):
Univ.Prof. Dr. Petra Riefler
Charlotte Baar, MSc

Wissenschaftlicher Beirat:
Prof. Dr. Oliver Büttner (Universität Duisburg-Essen)
Prof. Dr. Christian Fridrich (Pädagogische Hochschule Wien)
Dr. Renate Hübner (IUS, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt)
PD Dr. Michael Jonas (IHS Wien)
Dr. Sebastian Nessel (Karl-Franzens-Universität Graz)
Mag.a Nina Tröger (Arbeiterkammer Wien)

Kontakt

Kontaktperson: Charlotte Baar, MSc

Haben Sie Fragen zum Symposium oder benötigen Sie weitere Informationen? Wir freuen uns über Ihre Email!

Quellen

BMNT, BMBWF & BMVIT (Eds.) (2019). Bioökonomie: Eine Strategie für Österreich. www.bmk.gv.at/themen/innovation/publikationen/energieumwelttechnologie/biooekonomiestrategie.html

Bocken, N.M, Short, S.W. (2020): Transforming business models: towards a sufficiency-based circular economy, in: Brandao et al. (eds), Handbook of Circular Economy, doi.org/10.4337/9781788972727.00028

Climate Change Center Austria et al. (2019): Referenzplan als Grundlage für einen wissenschaftlich fundierten und mit den Pariser Klimazielen in Einklang stehenden Nationalen Energie- und Klimaplan für Österreich (Ref-NEKP), Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, ccca.ac.at/wissenstransfer/uninetz-sdg-13/referenz-nationaler-klima-und-energieplan-ref-nekp

Kalt, T., Lage, J. (2019): Die Ressourcenfrage (re)politisieren! Suffizienz, Gerechtigkeit und ökologische Transformation, GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society, doi.org/10.14512/gaia.28.3.4

Pullinger, M. (2014). Working time reduction policy in a sustainable economy: Criteria and options for its design, Ecological Economics, doi.org/10.1016/j.ecolecon.2014.04.009

Rebouças, R., Soares, A.M. (2020): Voluntary simplicity: A literature review and research agenda, International Journal of Consumer Studies, doi.org/10.1111/ijcs.12621

Rosa, H. (2016): Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin: Suhrkamp Verlag.

Vita, G., Lundström, J.R., Hertwich, E.G., Quist, J., Ivanova, D., Stadler, K., Wood, R. (2019): The Environmental Impact of Green Consumption and Sufficiency Lifestyles Scenarios in Europe: Connecting Local Sustainability Visions to Global Consequences, Ecological Economics, doi.org/10.1016/j.ecolecon.2019.05.002

Weiss, M., Cattaneo, C. (2017): Degrowth – Taking Stock and Reviewing an Emerging Academic Paradigm, Ecological Ecoonomics, doi.org/10.1016/j.ecolecon.2017.01.014

Wir bedanken uns für die Unterstützung bei