Wertebasierte Produktions- und Konsumweisen im aktuellen Ernährungsregime

FWF Zukunftskolleg 03/2021-02/2026

Das derzeitige Ernährungsregime wird von sozialen Bewegungen und lokalen Produzent:innen in Frage gestellt, die eine sozial- und umweltverträglichere Produktion anstreben, welche auf Werten wie Solidarität oder Vertrauen basiert. Wir konzentrieren uns auf verschiedene lokale und regionale Ernährungsinitiativen, die wir anhand unseres interdisziplinären theoretischen Rahmens „wertebasierte Produktions- und Konsumweisen“ analysieren, um zu untersuchen, wie diese auf die Macht von Unternehmen und Staat im Zusammenhang mit dem aktuellen Ernährungsregime wirken und Veränderungen hervorrufen. Auf der Grundlage qualitativer und partizipativer Methoden untersuchen wir diese Initiativen in unseren Fallländern Argentinien, Tschechien und der Schweiz. Während Argentinien und Tschechien durch exportorientierte Agrarkonzerne gekennzeichnet sind, wobei im Falle Tschechiens transnationale Einzelhandelsketten den heimischen Konsum stark prägen, ist das Ernährungsregime in der Schweiz stark finanzgetrieben, aber gleichzeitig auf Familienbetriebe ausgerichtet. Die Fallbeispiele aus unseren drei Ländern zeigen, dass sich die Frage nach Werten – verstanden als unterschiedliche Arten der Einbettung der Ernährungsinitiativen – je nach nationalem Kontext unterscheidet. Das Projekt beinhaltet u.a. Fallstudien zu solidarischer Landwirtschaft – (Community-Supported Agriculture – CSA) als eine Form alternativer Lebensmittelinitiativen, welche in unterschiedlicher Ausprägung und Häufigkeit in allen drei Ländern anzutreffen sind. Eine besondere Herausforderung für CSA im argentinischen Kontext war nicht nur das westliche Konzept von CSA, sondern auch die hohe Inflation, die die Vorfinanzierung der Landwirtschaft erschwert. In Tschechien sind CSA in der Regel in stadtnahen oder städtischen Gebieten angesiedelt und stützen sich stark auf Frauen in Karenz, da diese Wert auf gesunde Ernährung für ihre Kinder legen. In der Schweiz erfordert die räumliche Entfernung zwischen der erforschten Berg-CSA und ihren Mitgliedern Arbeitsaufenthalte, die körperlich anstrengende und zeitintensive Aufgaben wie das Hüten von Ziegen umfassen, d. h. ein hohes Maß an Engagement, das vom Komfort des vorherrschenden Ernährungssystems abweicht und die Zugänglichkeit dieser alternativen Ernährungsinitiative einschränkt. Was regionale Lebensmittelketten betrifft, so haben agroökologische Initiativen in Argentinien eher dystopische Zukunftsvisionen im Rahmen des derzeitigen Ernährungsregimes. In diesem Zusammenhang entstehen neuartige Bildungsansätze und Formen der gesellschaftlichen Organisation zur Förderung der Transformation des Ernährungssystems, die auf die Notwendigkeit ebenso neu entwickelter und kreativ anpassungsfähiger, kunstbasierter und intuitiver Forschungspraktiken hinweisen. Die Bio-Regionen Tisnov in Tschechien und Valposchiavo in der Schweiz zielen darauf ab, territoriale Agrar- und Ernährungssysteme durch den Aufbau interner und externer Netzwerke zu stärken, während im tschechischen Fall unterschiedliche Auffassungen von ökologischer Landwirtschaft deren Entwicklung beeinflussen. Weitere wichtige und umstrittene Triebkräfte für die Förderung lokaler und regionaler Initiativen sind die Ernährungssouveränitäts- und die Degrowth-Bewegung, städtische Ernährungspolitik sowie die „Farm-to-Fork“-Strategie der Europäischen Union.