ÖGOR-Jahrestagung 2026: Operations Research Community zu Gast an der BOKU
Das Institut für Produktionswirtschaft und Logistik der BOKU richtete am 18. September die Jahrestagung 2026 der Österreichischen Gesellschaft für Operations Research (ÖGOR) aus. Im Festsaal der BOKU kamen etwa 50 Forschende, Praktiker:innen und Nachwuchswissenschaftler:innen zusammen. Das Programm reichte vom erstmals veranstalteten Young OR über aktuelle Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz in der Algorithmenentwicklung für kombinatorische Optimierungsprobleme bis hin zu ausgezeichneten Forschungsarbeiten mit Nachhaltigkeitsbezug.
Operations Research (OR) beschäftigt sich mit der Lösung komplexer Entscheidungssituationen mithilfe mathematischer Modelle, Optimierungsverfahren und datenbasierter Methoden. Die Disziplin verbindet insbesondere Mathematik, Informatik und Wirtschaftswissenschaften. Die 1978 gegründete Österreichische Gesellschaft für Operations Research (ÖGOR) fördert den Austausch und die Weiterentwicklung des Fachgebiets in Forschung, Lehre und Praxis und zählt rund 250 Mitglieder. Patrick Hirsch ist seit 2018 Mitglied des Vorstands der ÖGOR.
Mit dem Institut für Produktionswirtschaft und Logistik als Gastgeber war die Tagung auch fachlich eng an der BOKU verankert. Das von Patrick Hirsch geleitete Institut forscht an Methoden und digitalen Entscheidungsunterstützungssystemen für nachhaltige und resiliente Organisationen und Lieferketten. Mathematische Modellierung, Optimierung und Simulation kommen dabei unter anderem in der Transportlogistik, der Produktionswirtschaft sowie der Lebensmittel-, Bau- und humanitären Logistik zum Einsatz.
Young OR: Vernetzung und Karrierewege
Den Auftakt bildete die Premiere von Young OR. Das neue Format richtete sich insbesondere an Doktorand:innen und Postdocs in einer frühen Phase ihrer wissenschaftlichen Laufbahn und bot eine Plattform für Vernetzung, fachlichen Austausch und Einblicke in unterschiedliche Karrierewege im OR.
Die von Pamela Nolz (USTP) und Patrick Hirsch moderierte Podiumsdiskussion brachte fünf OR-Expert:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Unternehmertum zusammen: Tore Grünert (GTS Systems and Consulting), Stefan Lendl (S2data GmbH), Ivana Ljubic (ESSEC Business School Paris / WU Wien), Kevin Tierney (Universität Wien) und Belma Turan (ÖBB) berichteten über ihren persönlichen Werdegang und standen Teilnehmer:innen in Folge für Fragen und eine interessante Diskussion zur Verfügung.
Aktuelle Entwicklungen zwischen Forschung und Praxis
Im Anschluss an die Generalversammlung gaben nationale und internationale Forschende sowie Praktiker:innen Einblicke in aktuelle Fragestellungen und Entwicklungen im OR.
Ivana Ljubic stellte einen Optimierungsansatz für die Last-Mile-Delivery vor, der die unterschiedlichen Anforderungen von Auftraggeber:innen, Auftragnehmer:innen und ausführenden Fahrer:innen berücksichtigt. Ihr Beitrag zeigte, wie mathematische Optimierung dazu beitragen kann, verschiedene Interessen innerhalb komplexer Logistiksysteme gemeinsam abzubilden.
Kevin Tierney widmete sich dem Einsatz von Large Language Models (LLMs) im OR. Er zeigte, wie LLMs zur automatisierten Entwicklung von Heuristiken für komplexe Optimierungsprobleme eingesetzt werden können, und thematisierte sowohl die Potenziale als auch die Risiken der rasanten Entwicklung im Bereich künstlicher Intelligenz. Anhand der vorgestellten Beispiele berichtete er von Lösungsverfahren, die mit etablierten OR-Methoden mithalten und diese teilweise übertreffen konnten. Dabei entstanden laut Tierney auch Ansätze, die in dieser Form bislang nicht aus der Literatur bekannt waren. Ein Fazit seines Vortrags war, dass sich die Möglichkeiten dieser Technologien derzeit mit hoher Geschwindigkeit weiterentwickeln. Der Forschung komme deshalb eine wichtige Rolle zu: Sie müsse diese Entwicklungen kritisch begleiten, ihre Leistungsfähigkeit fundiert bewerten und zu einer sinnvollen Weiterentwicklung beitragen.
Die Perspektive aus der Industrie brachte Tore Grünert ein. Er unterstrich die Bedeutung anwendungs- und lösungsorientierter Forschung und zeigte, wie wissenschaftliche OR-Modelle in praxistaugliche Lösungen überführt werden können. Er präsentierte dies anhand der Anwendungsfälle Abfalllogistik, Einsatzplanung von Servicetechniker:innen und Containerlogistik.
Ausgezeichnete Forschung: von Meeresplastik bis Machine Learning
Zum Abschluss des wissenschaftlichen Programms präsentierten die Preisträger:innen der von scc EDV-Beratung AG gesponserten ÖGOR-Preise 2026 ihre Arbeiten. Vergeben wurden zwei Masterpreise und ein Dissertationspreis.
Einen besonderen Anknüpfungspunkt an die Nachhaltigkeitsschwerpunkte der BOKU bot die mit einem Masterpreis ausgezeichnete Arbeit von Paulina Heine von der Universität Wien, betreut von Jan Fabian Ehmke. In ihrer Masterarbeit „A heuristic approach for the time-dependent orienteering problem with moving targets in a maritime environment“ entwickelt sie Verfahren für die Routenplanung von Sammelbooten, die treibende Plastik-Hotspots im offenen Ozean ansteuern.
Die Planung ist besonders anspruchsvoll, weil sowohl Plastikansammlungen als auch Schiffe von Meeresströmungen beeinflusst werden und sich die Ausgangssituation dadurch laufend verändert. Für die Optimierung wurden auch reale Strömungsdaten eingesetzt. Die Arbeit zeigt damit, wie OR-Methoden einen konkreten Beitrag dazu leisten können, Umweltprobleme wirksam zu adressieren und den Schutz mariner Ökosysteme und der Biodiversität zu unterstützen.
Heine führt diese Forschungsrichtung inzwischen im Rahmen ihrer Dissertation weiter und beschäftigt sich mit der kosteneffizienten Bergung treibender Geisternetze.
Einen weiteren Masterpreis erhielt Thomas Pammer von der Johannes Kepler Universität Linz, betreut von Markus Sinnl, für seine Arbeit „A matheuristic for solving the single row facility layout problem“. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Maschinen, Arbeitsplätze oder andere Einrichtungen entlang einer Linie so angeordnet werden können, dass Wege und Distanzen möglichst gering bleiben. Pammer verbindet dafür mathematische Optimierung mit heuristischen Verfahren zu einem leistungsfähigen Lösungsansatz. Die Arbeit wurde gemeinsam mit Markus Sinnl weiterentwickelt und 2026 im Fachjournal Computers & Operations Research publiziert.
Den Dissertationspreis erhielt Bo Peng von der Universität Wien, betreut von Immanuel Bomze, für seine Forschung zu mathematischen Optimierungsverfahren und deren Anwendung im Sparse Machine Learning.
OR für nachhaltige und anwendbare Lösungen
Die ÖGOR-Jahrestagung an der BOKU zeigte die große Bandbreite des Operations Research – von Logistik bis hin zu konkreten Umweltanwendungen. Zugleich wurde deutlich, welche neuen Möglichkeiten der Einsatz künstlicher Intelligenz für die OR-Forschung eröffnet.
Gleichzeitig zeigte sich ein gemeinsamer Anspruch vieler Beiträge: mathematische Methoden nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern daraus Lösungen für reale Entscheidungsprobleme zu entwickeln.
Damit knüpfte die Tagung unmittelbar an das Forschungsprofil des Instituts für Produktionswirtschaft und Logistik an. Modellierung, Simulation und Optimierung sollen hier nicht im Modell enden, sondern zu wissenschaftlich fundierten, nachhaltigen und praktisch umsetzbaren Entscheidungen in Produktion und Logistik beitragen. Gerade an der Schnittstelle von methodischer Forschung, Anwendung und Nachhaltigkeit sieht das Institut einen zentralen Beitrag des OR.