Störungszone quer durch Wien
Die aktuelle geowissenschaftliche Studie liefert erstmals eindeutige Belege dafür, dass eine große geologische Störungszone direkt unter dem Stadtgebiet von Wien auch im Quartär – also in den vergangenen rund zwei Millionen Jahren – aktiv ist. Die Ergebnisse zeigen, wie Klima, großräumige Hebung der Erdkruste und lokale tektonische Bewegungen gemeinsam die Landschaft entlang der Donau geprägt haben.
Im Fokus der Untersuchung steht die sogenannte Donau-Terrassentreppe von Wien – eine Abfolge von flussgeformten Geländestufen, die sich südlich der Donau durch das Stadtgebiet zieht. Diese schottrigen Verebnungsflächen stellen seit jeher einen wesentlichen Baugrund der Stadt Wien dar. Sie entstanden durch wiederholte Phasen von Ablagerung und Einschneidung des Flusses bei gleichzeitiger Hebung der Erdkruste. Bislang vermutete man, dass ihre Bildung klimatisch gesteuert ist - vor allem um die kältesten Phasen der letzten 1 Million Jahre. Die Vermutung konnte nun bestätigt werden und die Terrassenflächen den unterschiedlichen Eiszeiten zugewiesen werden. Die neue Studie zeigt auch, dass aktive Störungsbewegungen eine zentrale Rolle für die Konfiguration der Terrassenflächen spielen.
Besonders bedeutend ist in diesem Zusammenhang der Nachweis von Bewegungen entlang einer großräumigen Störungszone, die den Übergang zwischen den Ostalpen und dem Wiener Becken markiert und quer durch Wien verläuft. Mithilfe geophysikalischer Messungen, Bohrdaten sowie innovativer Altersdatierungen konnten die Forschenden zeigen, dass diese Störung die Donau-Terrassen versetzt und ihre geometrische Anordnung maßgeblich beeinflusst hat.
„Unsere Ergebnisse belegen, dass junge tektonische Prozesse in Wien aktiv sind“, erklärt Stephanie Neuhuber vom Institut für Angewandte Geologie der BOKU. „Die Stadt Wien liegt damit in einem Gebiet, dessen Landschaftsentwicklung nicht nur stark vom eiszeitlichen Klima, sondern auch von fortdauernden tektonischen Bewegungen geprägt ist. Die Ablagerungen der Donau machen diese Prozesse sichtbar.“
Für die Studie kamen unter anderem elektrische Widerstandstomographie, kosmogene Nukliddatierungen und Lumineszenzmethoden zum Einsatz. Diese Kombination erlaubte es, Hebungs- und Absenkungsraten über Hunderttausende Jahre zu rekonstruieren – trotz starker Überprägung durch urbane Bebauung.
Die Arbeit liefert nicht nur neue Einblicke in die geologische Entwicklung Wiens, sondern ist auch international von Bedeutung: Flussterrassen gelten weltweit als wichtige Archive für Klimageschichte und Tektonik. Neuhuber: „Das Wiener Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie sich selbst in dicht besiedelten Städten aktive geologische Prozesse nachweisen lassen. Die Erkenntnisse sind nicht nur für die Grundlagenforschung von Bedeutung, sondern liefern auch wichtige Daten für die Einschätzung der langfristigen Landschaftsentwicklung und geotechnische Bewertungen im urbanen Raum.“
Die Studie ist kürzlich in der Fachzeitschrift Quaternary Science Reviews erschienen:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0277379125005293?via%3Dihub
Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr.in Stephanie Neuhuber
Labor für kosmogene Nuklide
Institut für Angewandte Geologie
BOKU University
E-Mail: stephanie.neuhuber(at)boku.ac.at
Tel.: 01 47654 - 87217