10 Jahre BiMM: Bioaktive Stoffe für Landwirtschaft, Biotechnologie und Medizin


Vor zehn Jahren begann am Technopol Tulln eine neue Reise in die verborgene Welt der Pilze und Mikroorganismen. Die Forschungsplattform BiMM („Bioaktive Mikrobielle Metaboliten“) wurde mit der Vision gegründet, das bisher ungenutzte Potenzial mikrobieller Stoffwechselprodukte für Landwirtschaft, Biotechnologie und Medizin zu erschließen. Am 4. März 2026 trafen sich Wissenschaftler*innen, Kooperationspartner*innen und Förderer um auf eine Dekade voller Erfolge, aber auch Herausforderungen zurückzublicken und einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Die Suche nach dem „verborgenen Schatz“

In seinem Eröffnungsvortrag über Konzept, Ergebnisse und Zukunft der BiMM gibt der wissenschaftliche Leiter Prof. Joseph Strauss einen tieferen Einblick in das Thema. Weltweit sind etwa 150.000 Pilzarten beschrieben, doch Genomstudien deuten auf 2 bis 6 Millionen bisher unentdeckte Arten hin. Jede einzelne beherbergt zwischen 30 und 60 genetische „Schatzkarten“ (sog. biosynthetische Gencluster), die für die Produktion bioaktiver Substanzen kodieren. Doch in den gängigen chemischen Datenbanken sind gerade einmal 35.000 Pilzmetaboliten verzeichnet. Die Frage, die das BiMM-Team antreibt: Wie finden wir den Rest?
Auf Basis von langjähriger Grundlagenforschung über die Epigenetik der Metabolitenproduktion arbeitet nun die BiMM bereits seit ca. 10 Jahren mit einer Kombination aus Laborautomation, High-Throughput-Screening und interdisziplinärem Know-how an dem Thema und hat seither einige Millionen von Aktivitätstests durchgeführt. Das Ergebnis: unzählige neuartige bioaktive Substanzen aus Pilzen, ein neues Enzym, 20 zusätzliche wissenschaftliche Projekte, Industriekooperationen und mehr als 60 hochrangige wissenschaftliche Publikationen.

Technologie und Teamwork

Der Erfolg der BiMM basiert auf einer Kombination aus modernster Infrastruktur, interdisziplinärem Team und offenen Kooperationen. Die moderne Infrastruktur mit High-Throughput-Screening, automatisiertem Labor-Handling und massenspektrometrischen Analysen ermöglicht es, komplexe mikrobiologische Screenings effizient durchzuführen. Das interdisziplinäre Team vereint Expertise aus Mikrobiologie, Genetik, Chemie und Bioinformatik und schafft so die Grundlage für innovative Forschungsansätze.

Entscheidend ist zudem das offene und vertrauensvolle Umfeld aus Institutionen und Unternehmen, das eine enge und fruchtbare Zusammenarbeit fördert. Gerade diese tolle Zusammenarbeit wurden von den Kooperationspartner:innen auch in den Science Flash Talks besonders betont. Martin Wagner (BiMM Co-Projektleitung, VetMedUni Wien), Christoph Schüller (BOKU Core Facility Bioactive Molecules Screening & Analysis), Angela Sessitsch (AIT Austrian Institute of Technology), Doris Ribitsch (BOKU Institut für Umweltbiotechnologie), und Florian Zerulla (Kwizda Agro GmbH) präsentierten hier aktuelle Kooperationsprojekte und zukünftige Ideen.

Ein zentrales Thema der Jubiläumsfeier war die Bedeutung von Infrastruktur und Fördermitteln für erfolgreiche Forschung. Forschung braucht nicht nur Ideen, sondern auch moderne Geräte und langfristige Unterstützung. Bei der Podiumsdiskussion „Partnerschaft im Dialog“ diskutierten Nora Sikora-Wentenschuh (Vizerektorin, BOKU University), Matthias Gauly (Rektor, VetMedUni Wien), Martina Marchetti-Deschmann (Vizerektorin, VetMedUni Wien), Thomas Weldschek (Abteilungsleiter, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung), Martina Höllbacher (Abteilungsleiterin, Amt der NÖ Landesregierung) und Christoph Kaufmann (Abgeordneter zum NÖ Landtag, in Vertretung von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner) über die Rolle von Struktur- und Projektförderungen. Dabei zeigte sich: Exzellente Forschung benötigt State-of-the-Art-Maschinen und Geräte, aber auch die langfristige Förderung von Fachpersonal, das diese Technologien kompetent einsetzt.

Den Festvortrag hielt Klaus Taschwer (Autor und Wissenschaftsjournalist) zum Thema „Epigenetik und Politik: Der Fall Paul Kammerer und die Folgen im 20. und 21. Jahrhundert“, der die gesellschaftliche Relevanz von Forschung unterstrich. Er schließt damit den Bogen von der epigenetischen Steuerung in Pilzen bis zu den damaligen, wissenschaftlich und gesellschaftlich umstrittenen Anfängen der Epigenetik-Forschung rund um eine Gruppe österreichischer Zoologen.

Ein Schulprojekt, eine Kuhstallwand und der Nachweis einer bislang unbekannten Pilzart

Ein besonderer Moment der Jubiläumsfeier war die Ehrung der HBLFA Francisco Josephinum Wieselburg. Im Rahmen des Sparkling-Science-Projekts „PiNet“ entdeckten Schüler:innen gemeinsam mit dem BiMM-Team eine neue Pilzart. Sie wurde in Anerkennung des großen Engagements der Lehrenden und der Lernenden nach der Schule benannt: „Gymnascella wieselburgensis“.

Das Schimmeldrucker-Projekt „MOLD PRINTER - Creating Living Self-Revealing Artworks“, von Valentin Postl und Wolfgang Schwendtbauer, zeigte eindrucksvoll wie offen die BiMM auch für unkonventionelle Wege der Wissenschaftskommunikation ist. Die beiden Studenten der University of Applied Sciences Upper Austria - Interactive Media nutzen einen modifizierten 3D-Drucker, um unsichtbare Bilder zu erstellen, die sich in 2–3 Tagen durch Schimmelwachstum „offenbaren“. Mit Sporensuspensionen im Nährmedium entstehen einzigartige, organisch wachsende Kunstwerke, präzise im Druck, aber unvorhersehbar im Ergebnis. Und genauso wie jedes Bild ein Unikat ist, ist doch jedes Bild vergänglich.

Beeindruckt waren die Gäste auch von der Uraufführung des Virtual-Reality-Films „Mit dem BiMM-Forschungsschiff auf der Suche nach neuen Substanzen“. Claudia Puck und Johann Steinegger nehmen die Besucher:innen mit auf eine immersive Reise durch die verborgene Welt der Pilze und machen so die Faszination der BiMM-Forschung für alle erlebbar. (Film auf Youtube ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=Ea6Pi5AHaCc)

Warum die BiMM mehr ist als eine Forschungsplattform

Die BiMM beweist: Spitzenforschung entsteht dort, wo Neugier auf Expertise und vertrauensvolle Zusammenarbeit trifft. Zehn Jahre nach ihrer Gründung ist sie nicht nur ein Aushängeschild für das Technopol Tulln, sondern ein Leuchtturm für nachhaltige Bioinnovation.

Ein herzlicher Dank gilt zu guter Letzt unseren Sponsoren für ihre wertvolle Unterstützung zur Durchführung der Jubiläumsfeier:
ECOPLUS / TECHNOPOL TULLN: https://www.ecoplus.at/technopole/technopol-tulln
LAND NIEDERÖSTERREICH: https://www.noe.gv.at/noe/index.html
LACTAN: https://www.lactan.at
AQA: https://www.aqa-online.com

Bilder der Veranstaltung finden Sie auf: https://www.bimm-research.at/


26.03.2026