Risiko bleibt Realität
Am 26. April 2026 jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl-Katastrophe zum 40. Mal – ein Ereignis, das sich tief in das kollektive Gedächtnis Europas eingebrannt hat. Die Explosion von Reaktor 4 setzte damals große Mengen radioaktiver Stoffe frei, verseuchte weite Teile des Kontinents und machte ganze Regionen auf Jahrzehnte unbewohnbar. Auch heute sind die Folgen noch spürbar – ökologisch, gesundheitlich und gesellschaftlich.
Gerade dieses Jubiläum bietet Anlass, nicht nur zurückzublicken, sondern auch aktuelle Fragen rund um Kernenergie neu zu diskutieren. Am Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der BOKU University beschäftigen sich Expert*innen wie Nikolaus Müllner, Friederike Frieß und Markus Drapalik intensiv mit genau diesen Themen – von Reaktorsicherheit über geopolitische Risiken bis hin zur Endlagerung radioaktiver Abfälle.
Restrisiko bleibt – trotz technischer Fortschritte
Die Analysen zeigen: Die Risiken der Kernenergie sind keineswegs Vergangenheit. Kernkraftwerke zählen zu den komplexesten technischen Systemen überhaupt, bei denen Unsicherheiten nie vollständig ausgeschlossen werden können. „Man kann die Risiken minimieren, aber nie hundertprozentige Garantien geben“, betont Nikolaus Müllner . Unfälle wie in Tschernobyl oder Fukushima-Daiichi-Katastrophe haben deutlich gemacht, dass eine Kombination aus technischen Schwächen, menschlichen Fehlern und unvorhersehbaren Ereignissen katastrophale Folgen haben kann.
Kernkraft im Fadenkreuz
Hinzu kommt eine neue Dimension der Gefährdung: In geopolitischen Konflikten werden Kernkraftwerke zunehmend selbst zu potenziellen Angriffszielen. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie verwundbar nukleare Infrastruktur ist – sei es durch direkte Angriffe oder durch die Zerstörung von Versorgungssystemen, die für die Kühlung der Reaktoren essenziell sind. Damit verschiebt sich die Risikobetrachtung weit über technische Fragen hinaus in den Bereich globaler Sicherheitspolitik.
Verantwortung über Jahrtausende
Ein weiteres ungelöstes Problem ist der Umgang mit radioaktiven Abfällen. Hochradioaktiver Müll muss über Zeiträume von bis zu einer Million Jahre sicher von der Umwelt abgeschirmt werden. Als derzeit beste Lösung gilt die geologische Tiefenlagerung, also die Einlagerung in mehreren hundert Metern Tiefe, erklärt Friederike Frieß. Doch selbst diese Option wirft Fragen auf – nicht nur technischer, sondern auch gesellschaftlicher Natur: Wer übernimmt Verantwortung über Generationen hinweg? Und wie kann sichergestellt werden, dass zukünftige Gesellschaften die Gefahren erkennen?
Umstrittene Rolle im Energiesystem der Zukunft
Auch energiepolitisch bleibt die Rolle der Kernkraft umstritten. Während einige Länder sie als klimafreundliche Alternative propagieren, verweisen Expert*innen auf hohe Kosten, lange Bauzeiten und strukturelle Nachteile im Vergleich zu erneuerbaren Energien. Markus Drapalik etwa betont, dass Atomkraftwerke vor allem im Dauerbetrieb wirtschaftlich sind – ein Konzept, das immer weniger zu flexiblen, dezentralen Energiesystemen passt, die für die Energiewende erforderlich sind.
Vier Jahrzehnte nach Tschernobyl zeigt sich somit ein ambivalentes Bild: Einerseits ist die Erinnerung an die Katastrophe Mahnung und Lernmoment zugleich.
Hier gibt es die Veranstaltung des BOKU-Energieclusters „Zwischen Reaktor und Rotor“ zum Nachsehen:
https://boku.ac.at/universitaetsleitung/rektorat/stabsstellen/oeffentlichkeitsarbeit/themen/presseaussendungen/presseaussendungen-2026/12032026-presseeinladung-zwischen-reaktor-und-rotor-energiesicherheit-im-krisenzeitalter