Stefanie Lemke ist seit Anfang April 2021 Professorin und Leiterin am Institut für Entwicklungsforschung (IDR), am 28. März fand ihre Antrittsvorlesung und feierliche Begrüßung an die BOKU statt.

Warum schaffen wir es nicht, den Hunger zu beseitigen? Wir produzieren weltweit genügend Nahrungsmittel, um alle Menschen zu ernähren. Dennoch nehmen Hunger und Ernährungsunsicherheit seit 2015 wieder zu. Dies wird noch verstärkt durch die Coronakrise. Auch der Krieg in der Ukraine, Konflikte in anderen Krisenregionen sowie die Klimakrise und deren Folgen werden dies weiter verschärfen. Gleichzeitig steigt die Zahl übergewichtiger Menschen weltweit dramatisch an – quer durch alle Altersgruppen, mit gravierenden Folgen für die Gesundheit und die öffentlichen Gesundheitssysteme. Stefanie Lemke arbeitet mit menschenrechtsbasierten Ansätzen, die die strukturellen Ursachen von Hunger und Fehlernährung in den Blick nehmen. Hierzu gehört auch die Stärkung der Rechtsposition benachteiligter Gruppen, vor allem der Frauen. Dabei geht es unter anderem um Teilhabe und Mitbestimmung hinsichtlich des Zugangs zu Land und anderer natürlichen Ressourcen. „Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Transformation, um vorherrschende Geschlechterrollen zu ändern und soziale Gerechtigkeit zu erreichen. In der Forschung können wir einen wichtigen Beitrag leisten, indem wir partizipative Prozesse begleiten und dokumentieren, in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Akteur*innengruppen.“

Stefanie Lemkes Forschung ist an der Schnittstelle zwischen Natur- und Sozialwissenschaften angesiedelt, bereits in ihrem Studium der Haushalts- und Ernährungswissenschaften am Campus Weihenstephan der TU München waren beide Zugänge gleichermaßen vertreten. Afrika ist schon seit Langem eine der Schwerpunkt-Regionen ihrer wissenschaftlichen Untersuchungen. Sie forschte für ihre Dissertation „Food and Nutrition Security in Black South African Households – Creative Ways of Coping and Survival“ in Südafrika, dass das Apartheid-Regime damals erst seit Kurzem überwunden hatte. Damit gingen starke Umbrüche in der Gesellschaft einher, die Apartheid und andere diskriminierende Gesetze hatten die traditionellen Formen der Landwirtschaft fast vollkommen zerstört. „Ich beschäftigte mich damals vor allem damit, dass die schwarzafrikanische Bevölkerung aufgrund der historisch bedingten Benachteiligung oft mit sehr wenig Geld zurechtkommen musste und welche Auswirkungen das auf die Ernährungssituation hatte. Die Haushaltsstrukturen und der Zusammenhalt innerhalb der Familien, vor allem die Teilhabe von Frauen, spielten dabei eine entscheidende Rolle.“

In ihrer Habilitation an der Universität Hohenheim bezog Stefanie Lemke einen weiteren Aspekt mit ein: das Menschenrecht auf angemessene Nahrung. „Ein solches Recht stellt einen normativen Rahmen sowie konkrete Handlungsanleitungen und Methoden zur Verfügung, um die strukturellen Ursachen einer Mangel- oder Fehlernährung zu thematisieren und Lösungsansätze zu entwickeln“, betont die Forscherin. Während der Arbeit an ihrer Habilitation übernahm sie in Hohenheim eine Vertretungsprofessur, 2015 erfolgte der Wechsel an die Universität Coventry, wo Lemke ab 2019 die unbefristete Position „Associate Professor“ innehatte. Dennoch hat sie die Ausschreibung der BOKU sofort angesprochen: „Die Kombination von Forschungsthemen am Institut – Ernährungssicherheit und Entwicklungsthemen einerseits, Lernmethoden und Lernprozesse in der Entwicklungsarbeit andererseits – passt gut zu meinem transdisziplinären und partizipativen Forschungsansatz.“ Ergänzen will sie dies um die Gender-Forschung, die intersektionale Perspektive und den Menschenrechtsansatz.

Die Aufzeichnung der Antrittsvorlesung finden Sie hier


07.06.2022