Das Forschungsprojekt DivMoSt liefert richtungsweisende Erkenntnisse zu Bedeutung und Zustand der österreichischen Streuobstwiesen. 

Der nun vorliegende Endbericht zeigt, dass Streuobstwiesen Hotspots der Artenvielfalt in Österreich sind. Strukturreiche, extensiv gepflegte Streuobstbestände mit Altbäumen, Totholz und offenen Bodenstellen sind Schlüsselräume für die Insektenvielfalt und auch für Säugetiere und Vögel sind sie essenzielle Rückzugsorte.

Die Studie stellt aber auch erhebliche Defizite in der Pflege und bei der Nachpflanzung von Streuobstbäumen fest, die den Fortbestand dieses Kulturguts gefährden. Eine neu entwickelte Methode zur automatisierten Erfassung aus dem All in Kombination mit Erhebungen vor Ort soll nun helfen, die Bestände zu erfassen, um sie in weiterer Folge besser schützen zu können.

Die Forschungsarbeiten wurden in einer Kooperation mehrerer Institute der BOKU University, der Bundesanstalt für Wein und Obstbau Klosterneuburg und dem Ingenieurbüro Holler durchgeführt sowie vom Verein Streuobst Österreich organisatorisch unterstützt. Finanziert wurde das Projekt durch den Biodiversitätsfonds des Bundesministeriums (BMLUK) und die Europäische Union (NextGenerationEU). 

Enorme ökologische Bedeutung

Im Projekt wurden Felderhebungen auf Streuobstwiesen verteilt über ganz Österreich durchgeführt. Die Ergebnisse unterstreichen die enorme ökologische Bedeutung dieser Lebensräume: „Insgesamt konnten wir auf den untersuchten Flächen 321 Insektenarten nachweisen. Die dokumentierten 225 verschiedene Bienenarten machen etwa 1/3 der österreichischen Bienenfauna aus. Zusätzlich zeigen die 65 Tagfalterarten und die 31 Heuschreckenarten die enorme Relevanz von Streuobstflächen“ erklärt Sophie Kratschmer, Entomologin am Institut für Zoologie der BOKU University. Besonders bemerkenswert ist das Vorkommen von streng geschützten Schmetterlingsarten wie dem Großen Feuerfalter oder dem Schwarzen Apollo.

Das Fledermausforschungsteam dokumentierte 23 der aktuell 31 in Österreich nachgewiesenen Fledermausarten, was die Bedeutung dieses Landschaftstyps als Jagd- und Quartierlebensraum für diese streng geschützte Artengruppe unterstreicht. „Streuobstwiesen bieten durch ihre Mischung aus Wald und Offenland ideale Lebensräume für viele Fledermausarten. Unsere Daten belegen, dass hier sowohl gefährdete Arten der Kulturlandschaft wie die in Österreich vom Aussterben bedrohte Große Hufeisennase, als auch Spezialisten alter Laubwälder, etwa die Bechsteinfledermaus und Nymphenfledermaus, anzutreffen sind“, so Markus Milchram von der Koordinationsstelle für Fledermausschutz und -forschung in Österreich. 

Bei Freilandkartierungen wurden zudem 114 Vogelarten erfasst. Charakteristische Bewohner wie der Wiedehopf, der Wendehals oder der Gartenrotschwanz finden in den Baumhöhlen alter Obstbäume sowie auf extensiv bewirtschafteten Wiesen ideale Nist- und Nahrungsbedingungen. 

„Streuobstwiesen sind sehr wichtige Lebensräume für unsere heimische Vogelwelt. Wir konnten auf den untersuchten Flächen etwa die Hälfte der in Österreich regelmäßig vorkommenden Brutvogelarten nachweisen. Besonders Arten, die auf Höhlen in alten Bäumen angewiesen sind - wie etwa die stark gefährdete Zwergohreule – finden in alten, strukturreichen Streuobstwiesen hervorragende und oft dringend benötigte Lebensräume,“ so Eva Schöll vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der BOKU.

Dramatischer Rückgang und gravierende Pflegedefizite 

Trotz des unschätzbaren Wertes für die Natur ist die Streuobstkultur stark bedroht. Wurden im Jahr 1930 österreichweit noch rund 35 Millionen Streuobstbäume gezählt, schrumpfte der Gesamtbestand bis zum Jahr 2020 auf etwa 4,2 Millionen Bäume.

Die aktuellen Kartierungen decken zudem die Probleme der verbliebenen Streuobstbestände auf: Auf 68 Prozent der untersuchten Flächen konnten keine oder zu wenige Nachpflanzungen festgestellt werden. Ebenso besorgniserregend ist der Pflegezustand: 63 Prozent der Bäume in den untersuchten Beständen werden nicht oder unzureichend gepflegt. In Kombination mit den Folgen des Klimawandels, die unter anderem zu einer Ausbreitung der immergrünen Mistel beiträgt, sind dies insgesamt bestandsbedrohende Entwicklungen.

„Die Ergebnisse von DivMoSt bestätigen eindrucksvoll, dass Streuobstwiesen absolute Hotspots der Artenvielfalt sind“, betont Christian Holler, Ingenieurbüro Holler. „Gleichzeitig zeigen unsere Analysen jedoch erhebliche Defizite bei der Pflege und Verjüngung der Bestände. Diese Diskrepanz unterstreicht den dringenden Handlungsbedarf, wenn wir dieses unersetzliche Kulturerbe vor dem Verschwinden bewahren wollen.“

High-Tech-Monitoring: Streuobst-Erfassung aus dem All

Um in Zukunft gezielte Schutzmaßnahmen steuern zu können, hat das Forschungsteam eine innovative Methode zur exakten und flächendeckenden Verortung von Streuobstbeständen entwickelt. Das Computermodell greift auf Monitoringflächen vor Ort und österreichweit verfügbare, digitale Oberflächen- und Geländemodelle zurück, um potenzielle Obstbäume aufzuspüren.

In einem weiteren Schritt werden diese mit verschiedenen Satellitendaten kombiniert. Mithilfe von maschinellem Lernen (künstlicher Intelligenz) werden Reflexionsverhalten von Blättern und Blüten im Jahresverlauf analysiert. So können Obstbäume von anderen Laubbäumen unterschieden werden. Das Verfahren ermöglicht künftig ein zukunftssicheres und kosteneffizientes Monitoring, um das Verschwinden von Beständen, aber auch den Erfolg von Neupflanzungen österreichweit im Blick zu behalten.

„Die Kombination aus klassischen Felderhebungen und innovativen Methoden der Fernerkundung und des maschinellen Lernens schafft eine zukunftsweisende Grundlage für ein effizientes Monitoring. Damit haben wir ein leistungsstarkes Werkzeug in der Hand, um die Dynamik im Streuobstanbau über große Zeiträume hinweg zu erfassen und zukünftig Schutzmaßnahmen exakt dort anzusetzen, wo sie am dringendsten benötigt werden“, so Markus Immitzer vom Institut für Geomatik der BOKU University.

Neben dem ausführlichen wissenschaftlichen Endbericht ist nun auch eine Zusammenfassung der Ergebnisse, herausgegeben von Streuobst Österreich, erschienen. Diese steht seit 1. April 2026 zum Download zu Verfügung:

Zum Endbericht:
https://short.boku.ac.at/kq9kvy
https://www.streuobst.at/news/endbericht-divmost

Wissenschaftlicher Kontakt:

DIin Dr.in Sophie Kratschmer
Institut für Zoologie
BOKU University
Mail: sophie.kratschmer(at)boku.ac.at
Tel.: 01 47654 – 83323