Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der BOKU entwickelt einen neuen Bewertungsansatz zur Priorisierung von Schutz- und Renaturierungsmaßnahmen.

Fließgewässer zählen weltweit zu den am stärksten bedrohten Ökosystemen. Gleichzeitig stehen für ihren Schutz und ihre Renaturierung nur begrenzte Ressourcen und Entscheidungsgrundlagen zur Verfügung. Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der BOKU University, des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) und der Michigan State University hat einen neuen Bewertungsansatz entwickelt, der eine wissenschaftlich fundierte Priorisierung von Schutz- und Renaturierungsmaßnahmen unterstützt. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift npj Biodiversity veröffentlicht.

Schutzmaßnahmen dort einsetzen, wo sie wirklich wirken

„Fischgemeinschaften integrieren die Auswirkungen verschiedener Umweltbelastungen über ganze Flusseinzugsgebiete hinweg und eignen sich daher hervorragend als Indikatoren für den ökologischen Zustand von Gewässern“, erklären Kyle Brumm vom International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) und Dana Infante von der Michigan State University. „Die Verknüpfung dieser biologischen Informationen mit ökologischen Schwellenwerten ermöglicht es, gefährdete Gewässer frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern.“

Für die Studie wurde der neue Bewertungsansatz erstmals sowohl auf Fließgewässer in Europa als auch in den USA angewendet. Fischgemeinschaften reagieren besonders sensibel auf Veränderungen ihrer Umwelt – etwa durch intensive Landwirtschaft, Siedlungsentwicklung oder andere Formen der Landnutzung. Dabei verschlechtert sich der ökologische Zustand von Fließgewässern häufig nicht schrittweise: Werden bestimmte ökologische Schwellenwerte überschritten, können sich Artenzusammensetzung und Bestände innerhalb kurzer Zeit deutlich verändern. Solche sogenannten Kipppunkte sind oft nur schwer oder gar nicht rückgängig zu machen. Trotz unterschiedlicher Landnutzungsgeschichte, Schutzstrategien und rechtlicher Rahmenbedingungen lieferte die Methode in beiden Regionen vergleichbare Ergebnisse. 

„Wir haben deshalb einen Ansatz entwickelt, der diese ökologischen Schwellenwerte mit Informationen über bestehende Schutzgebiete verbindet. Dadurch können wir erstmals systematisch unterscheiden, wo präventiver Naturschutz den größten Nutzen verspricht und wo Renaturierungsmaßnahmen besonders dringend sind“, sagt Rafaela Schinegger, assoziierte Professorin für Naturschutzplanung an der BOKU University. Ebenso lassen sich jene Einzugsgebiete identifizieren, in denen die Schwellen bereits überschritten wurden und Renaturierungsmaßnahmen besonders dringend erforderlich sind. Die Ergebnisse zeigen auch, dass Schutzgebiete allein nicht immer ausreichen, um die biologische Vielfalt in Fließgewässern langfristig zu erhalten. In manchen Einzugsgebieten wurden kritische ökologische Schwellen trotz eines hohen Schutzstatus bereits überschritten.

Wissenschaftliche Grundlage für bessere Entscheidungen 

Anders als viele bestehende Ansätze bewertet die Methode nicht nur den aktuellen Zustand von Gewässern oder den Schutzgebietsanteil, sondern verknüpft biologische Reaktionen mit ökologischen Schwellenwerten. Dadurch können Einzugsgebiete identifiziert werden, deren Fließgewässer unterschiedliche Stufen ökologischer Beeinträchtigung aufweisen. „Renaturierung ist vor allem eine räumliche Planungsaufgabe“, sagt Rafaela Schinegger. Die Studie zeigt, wie knappe Ressourcen künftig gezielter dort eingesetzt werden können, wo sie voraussichtlich den größten Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt in Fließgewässern leisten.

Publikation
Brumm, K.; Schinegger, R., Schürz, M., Gruber, G., Borgwardt, F., Seliger, C. & Infante, D. (2026). Mapping Vulnerability of Stream Fishes in the United States and Europe: A Threshold-based Approach to Inform Freshwater Conservation and Restoration Efforts. npj Biodiversity . https://www.nature.com/articles/s44185-026-00144-7

Wissenschaftlicher Kontakt
Assoc.Prof. Priv.Doz. DI Dr Rafaela Schinegger
BOKU University
Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung
Email: rafaela.schinegger(at)boku.ac.at
Telefon: +43 1 47654 85334

Ass.Prof. DI Dr. Florian Borgwardt
BOKU University              
Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement
Email: florian.borgwardt(at)boku.ac.at