Schäden durch Naturgefahren nehmen zu – obwohl das Wissen, wie man sich schützt, längst vorhanden ist. Eine neue Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der BOKU University zeigt am Beispiel der Waldbrände in Kalifornien, warum Vorsorge oft nicht umgesetzt wird – und was sich ändern muss.

Ein einzelnes Haus ging um die Welt: Während die Flammen ein Gebäude nach dem anderen zerstörten, blieb ein Wohnhaus in Pacific Palisades bei den Waldbränden in Kalifornien 2025 weitgehend unversehrt. Für die Forschung ist dieses Bild mehr als eine spektakuläre Ausnahme. Es zeigt, dass Schutz grundsätzlich möglich ist – wenn vorhandenes Wissen tatsächlich umgesetzt wird.

„An diesem Gebäude konnte man sehen: Das Wissen ist da", sagt Margreth Keiler vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck. „Man weiß, wie man in Waldbrandgebieten so baut, dass die Wahrscheinlichkeit einer Zerstörung sinkt. In diesem Fall wurde dieses Wissen umgesetzt – und man sieht das Resultat."

Genau hier setzt eine neue Studie an, die im Fachjournal Natural Hazards and Earth System Sciences erschienen ist und bei der Keiler mitgearbeitet hat. Ausgehend von den Waldbränden in Kalifornien untersuchen die Autor:innen, warum Katastrophenschutz häufig nicht so funktioniert, wie er sollte. Die zentrale These: Das Problem ist oft nicht, dass Wissen fehlt. Das Problem ist, dass es nicht ausreichend in Planung, Baupraxis, Verwaltung und Alltagshandeln übersetzt wird.

Wenn Wissen nicht reicht

„Wir wissen wissenschaftlich immer besser, wie Risiken reduziert werden können – und trotzdem werden die Schäden immer größer“, sagt Studienerstautor Sven Fuchs von der BOKU University. „Zwischen dem, was die Wissenschaft weiß, und dem, was in der Praxis passiert, klafft eine Lücke.“

Die Studie nennt vier Gründe, warum Katastrophenschutz bei Waldbränden, aber auch bei Hochwasser, Lawinen und Erdbeben oft nicht funktioniert: fehlendes Risikobewusstsein, begrenzte Kapazitäten, falsche Anreize und Probleme in der Steuerung und Zuständigkeit.

Die Zukunft wird unterschätzt

Das Risiko wird unterschätzt. Wer noch nie ein Hochwasser oder einen Waldbrand erlebt hat, hält Warnungen oft für übertrieben. Doch durch den Klimawandel verändern sich Starkniederschläge, Oberflächenabfluss in Städten, Wildbachereignisse oder Waldbrände. Die Intensitäten, die heute und künftig beobachten werden, entsprechen nicht immer dem, was Menschen aus ihrer eigenen Erfahrung kennen, so die Forschenden. Risikobewusstsein entsteht aber nicht allein durch Karten oder Zahlen – es braucht Kommunikation, Vertrauen und nachvollziehbare Beispiele.

Vorsorge braucht Ressourcen

Doch selbst wer ein Risiko erkennt, kann nicht automatisch handeln. Ein Haus umzubauen oder Schutzmaßnahmen umzusetzen kostet Geld, Zeit und Wissen – Ressourcen, die ungleich verteilt sind. „Es reicht nicht zu sagen: Die Menschen sollen sich besser schützen", betont Keiler. „Man muss auch fragen: Haben sie die finanziellen Mittel? Haben sie Zeit, sich damit auseinanderzusetzen? Wissen Architektinnen und Architekten, wie man risikobewusst baut? Bekommen Haushalte, Gemeinden oder Behörden die Unterstützung, die sie brauchen? Und können alle gut zusammenarbeiten?“

Falsche Anreize erhöhen das Risiko

Wer etwa mit Versicherungen vorsorgt, hat im Schadensfall nicht immer einen klaren Vorteil – wer nichts tut, bekommt im Zweifel trotzdem Hilfe. Besonders heikel ist das nach einer Katastrophe: Häufig wird unter politischem Druck rasch und am selben Ort wieder aufgebaut, ohne das Risiko zu senken. „Dann ist Wiederaufbau keine Vorsorge, sondern eine Vorbereitung auf den nächsten Schaden", sagt Keiler. Auch technische Schutzbauten können falsche Sicherheit erzeugen: Wird hinter Dämmen oder Mauern immer dichter gebaut, steigt das Schadenspotenzial für den Fall, dass ein Ereignis größer ausfällt als geplant.

Unklare Zuständigkeiten bremsen den Schutz

Naturgefahren passen selten in eine einzige Verwaltungsschublade. Wer ist zuständig für Gefahrenkarten? Wer für Raumplanung? Wer für Bauvorschriften? Wer für Information, Kontrolle und Finanzierung? „Oft sind Vorschriften oder Strategien vorhanden, aber es ist nicht klar, wie sie auf lokaler Ebene umgesetzt werden sollen", sagt Erstautor Sven Fuchs. „Dann entstehen Situationen, in denen sich niemand wirklich verantwortlich fühlt – oder in denen unterschiedliche Ebenen nicht ineinandergreifen." Auch in Österreich gibt es solche Schnittstellenprobleme: Gefahrenzonenpläne werden auf Bundesebene bereitgestellt, Raumplanung ist jedoch Ländersache. „Das heißt nicht, dass nichts funktioniert“, sagt Fuchs. „In vielen Bereichen gibt es sehr gute Systeme und viel Erfahrung. Aber es gibt auch unsichtbare Ebenen, an denen Prozesse stecken bleiben: zwischen Fachbereichen, Verwaltungsebenen oder politischen Verantwortlichkeiten.“

Die Studie von BOKU University und ÖAW zeigt zudem: Katastrophenvorsorge ist auch eine soziale Frage. „Viele Menschen, die besonders stark von Klimawandelfolgen und Naturgefahren betroffen sein werden, haben zugleich weniger Ressourcen, um sich anzupassen“, so Fuchs und Keiler. Das sei eine zentrale Frage für die Zukunft: „Wie kann verhindert werden, dass Naturgefahren bestehende soziale Ungleichheiten weiter verschärfen?“

Von Kalifornien nach Europa

Die Lehren aus Kalifornien reichen weit über Waldbrände hinaus. Ähnliche Muster zeigen sich bei den Erdbeben in der Türkei und Syrien 2023, bei den Überschwemmungen in Valencia 2024 oder bei Hochwasserereignissen in Europa. Naturgefahren unterscheiden sich – doch die gesellschaftlichen Hürden im Umgang mit ihnen ähneln sich.

Deshalb fordern die Forschenden integrierte, langfristige und faire Ansätze der Katastrophenvorsorge. Risikowissen muss verständlich vermittelt werden. Institutionen müssen gestärkt werden. Anreize müssen so gestaltet sein, dass Vorsorge belohnt wird. Und Entscheidungen müssen gemeinsam mit den betroffenen Menschen getroffen werden.

Publikation

Fuchs, Sven; Karagiorgos, Konstantinos; Keiler, Margreth; Nyberg, Lars; Papathoma-Köhle, Maria; Polderman, Annemarie (2026): Invited perspectives: Four reasons DRR does not work as intended – lessons from the 2025 California wildfires and beyond. Natural Hazards and Earth System Sciences, 26, 1785–1794.
DOI: https://doi.org/10.5194/nhess-26-1785-2026