20.07.2026 - Klimafreundliche Mobilität beginnt bei der Infrastruktur

Angesichts des Bevölkerungswachstums und der wirtschaftlichen Entwicklung werden global immer mehr Straßen, Schienenwege und andere Verkehrsinfrastruktur benötigt, insbesondere in Regionen, die sich stark urbanisieren. Die Herausforderung besteht darin, diese Infrastruktur bereitzustellen und dabei den Ressourcenverbrauch und die CO₂-Emissionen so gering wie möglich zu halten – ein Ziel, das laut neuen Forschungsergebnissen der BOKU University und des International Institute for Applied Systems Analysis durchaus erreichbar ist.

Eine neue Studie, die im „Journal of Industrial Ecology“ veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass die weltweite Mobilitätsinfrastruktur bis 2060 dramatisch ausgebaut werden dürfte, insbesondere im Globalen Süden, was die Nachfrage nach Beton, Stahl und Asphalt ankurbeln und erhebliche CO₂-Emissionen verursachen wird. Ein Forschungsteam der BOKU und des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) zeigt, dass die mit den Materialien verbundenen Emissionen um bis zu 63% gesenkt werden können, ohne dabei den Infrastrukturbedarf zu vernachlässigen, beispielsweise durch die Veränderung des künftigen Mobilitätsbedarfs, die Optimierung der Art und des Umfangs künftiger Infrastruktur, sowie der eingesetzten Produktionstechnologien.

Die Studie kombiniert die hochauflösende globale Infrastrukturkartierung der BOKU mit dem integrierten Bewertungsmodell MESSAGEix des IIASA, um den künftigen Materialbedarf und die Emissionen zu bewerten.

Emissionen um 60 Prozent senken

Die heutige globale Mobilitätsinfrastruktur wird von Straßen dominiert und enthält etwa 350 Milliarden Tonnen an Material, wobei große Ungleichheiten zwischen wohlhabenden Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte und dicht besiedelten Regionen mit geringerem Einkommen bestehen. Ohne Änderungen in Politik und Planung könnten sich die gesamten Materialbestände der globalen Mobilitätsinfrastruktur bis 2060 verdoppeln. Da die Länder daran arbeiten, ihrer Bevölkerung einen angemessenen Mindestzugang zur Mobilität zu gewährleisten, könnte sich die Größe der globalen Mobilitätsnetze sogar verdreifachen. Dieses Wachstum würde einen erheblichen jährlichen Materialbedarf mit sich bringen und zusätzlichen Druck auf Land und Ökosysteme ausüben.

Der wirksamste Weg zur Senkung der Emissionen besteht darin, das Wachstum der Mobilitätsnachfrage zu verlangsamen, beispielsweise durch eine dichtere und gemischt genutzte Stadtgestaltung mit kurzen Wegen zu notwendigen Dienstleistungen sowie durch deutlich verbesserte Angebote im öffentlichen Nahverkehr. Weitere Reduzierungen lassen sich durch eine umweltfreundlichere Materialproduktion, verstärktes Recycling und die Dekarbonisierung der industriellen Energieversorgung erzielen. Zusammen können diese Maßnahmen die Emissionen um mehr als 60 % senken.

André Baumgart, Doktorand am Institut für Soziale Ökologie, fasst die Ergebnisse zusammen: „Kompakte, am öffentlichen Personenverkehr orientierte sowie fußgänger- und fahrradfreundliche Städte können Zugang zu Mobilität mit weitaus weniger Material und CO₂-Emissionen ermöglichen als eine autozentrierte Zersiedelung. Entscheidungen, die jetzt in rasch urbanisierenden Regionen getroffen werden, prägen aufgrund der langen Lebensdauer der Infrastruktur die Mobilitätsmuster für Jahrzehnte.“

Kombination an Maßnahmen als Lösung

„Die Deckung des weltweit wachsenden Mobilitätsbedarfs und die Erreichung der Klimaziele mögen als konkurrierende Ziele erscheinen, doch eine integrierte Planung kann dazu beitragen, sie in Einklang zu bringen“, fügt Mitautor Volker Krey hinzu, der die Forschungsgruppe „Integrated Assessment and Climate Change“ am IIASA leitet. „Unsere Analyse zeigt, dass die Kombination von nachfrageseitigen Maßnahmen wie eine kompakte Stadtentwicklung und eine Reduktion nicht notwendiger Fahrten mit einer umweltfreundlicheren Produktion und einer stärkeren Kreislaufwirtschaft das größte Potenzial zur Emissionsminderung bietet und gleichzeitig eine angemessene Mobilitätsinfrastruktur für alle gewährleistet.“

Die Autor*innen betonen die Notwendigkeit, das Wachstum der Mobilitätsnachfrage zu verlangsamen, die öffentlichen Verkehrsmittel mit hoher Kapazität sowie aktive Mobilität zu fördern, um den Autoverkehr zu verdrängen, dichte Stadtkerne zu schützen und anzubinden, und Straßenausbauten zu vermeiden, welche die Zersiedelung begünstigen. Sie kommen zu dem Schluss, dass der schnellste und gerechteste Weg darin besteht, effizientere Stadtformen zu fördern, unnötigen Mobilitätsbedarf zu reduzieren und ehrgeizige Maßnahmen zur Dekarbonisierung und zur Kreislaufwirtschaft umzusetzen, wobei der Fokus nicht nur darauf liegen sollte, wie viel Infrastruktur gebaut wird, sondern auch darauf, was gebaut wird, wo es gebaut wird und wie die benötigten Materialien hergestellt werden.

Die grundlegenden Forschungsarbeiten und Analysen wurden von André Baumgart während seiner Teilnahme am „Young Scientists Summer Program“ (YSSP) des IIASA in Zusammenarbeit mit den IIASA-Forscher*innen Gamze Ünlü, Florian Maczek, Aneeque Javaid und Volker Krey erarbeitet.

Literaturhinweis
Baumgart, A., Ünlü, G., Grammer, B., Javaid, A., Maczek, F., Krausmann, F., Krey, V. und Wiedenhofer, D. (2026). Material- und CO₂-Auswirkungen des weltweiten Ausbaus der Mobilitätsinfrastruktur in der Zukunft. Journal of Industrial Ecology DOI: https://doi.org/10.1007/s44498-026-00132-x

Ansprechpartner an der BOKU
André Baumgart, M.Sc.
Institut für Soziale Ökologie
E-Mail: andre.baumgart@boku.ac.at

Ansprechpartner am IIASA
Volker Krey
Forschungsgruppenleiter und leitender Wissenschaftler
Forschungsgruppe „Integrierte Bewertung und Klimawandel“
Programm „Energie, Klima und Umwelt“
krey@iiasa.ac.at

Pressesprecherin am IIASA
Ansa Heyl
IIASA-Pressestelle
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Über das IIASA:

Das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) ist ein internationales wissenschaftliches Institut, das sich mit den entscheidenden Fragen des globalen ökologischen, wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Wandels befasst, denen wir im 21. Jahrhundert gegenüberstehen. Unsere Forschungsergebnisse liefern politischen Entscheidungsträgern wertvolle Handlungsoptionen, um die Zukunft unserer sich wandelnden Welt mitzugestalten. Das IIASA ist unabhängig und wird von renommierten Forschungsförderungsorganisationen in Afrika, Amerika, Asien und Europa finanziert. www.iiasa.ac.at

Über die BOKU: 
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