Die historischen Entwicklungen von landwirtschaftlicher Intensivierung, Wiederbewaldung und der Expansion tierischer Produktion haben nicht nur die Ernährungsgrundlagen für wachsende Bevölkerungen geschaffen, sondern auch erhebliche ökologische Konsequenzen nach sich gezogen – von steigenden Treibhausgasemissionen bis hin zu Veränderungen in globalen Stoffkreisläufen. 

Die Industrialisierung und ihre Umweltfolgen

Simone Gingrich von der BOKU University untersucht, wie sich die Nutzung von Ressourcen und die Entstehung ökologischer Probleme im Laufe der Industrialisierung verändert haben und was wir daraus heute lernen können. Dabei wirft sie einen Blick zurück und zeigt, wie Land- und Forstwirtschaft immer stärker industrialisiert wurden, welche Rolle fossile Energieträger spielten und wie sich dadurch die gesellschaftliche Ressourcennutzung und die Umweltwirkungen wandelten. „Umweltgeschichte fasziniert mich seit meinem Masterstudium, weil sie in der heutigen ökologischen Krise grundlegende Orientierungshilfe liefert,“, sagt Simone Gingrich im Vorfeld ihrer Antrittsvorlesung am 24. März. 

Globale Vergleiche und interdisziplinäre Methoden

Ein besonderer Fokus ihrer Forschung liegt auf Europa, speziell auf Österreich. Doch ihre Analysen umfassen auch globale Vergleiche sowie Fallstudien in Nordamerika und Südostasien. Dabei kombiniert Gingrich quantitative Methoden aus der Landnutzungs- und Nachhaltigkeitsforschung mit historischen Quellen und qualitativen Ansätzen. Diese interdisziplinäre Herangehensweise ermöglicht es ihr langfristige, gesellschaftliche und ökologische Entwicklungen besser zu verstehen – und neue Perspektiven auf gegenwärtige Herausforderungen zu eröffnen. „Ich finde es besonders herausfordernd, aber auch spannend, unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven und Methoden in meiner Arbeit zu integrieren – zum Beispiel quantitative Ansätze aus der sozialen Ökologie mit historischen Quellen und qualitativer Forschung,“ betont Gingrich.

 

Umweltgeschichte als Schlüssel zum Verständnis ökologischer Krisen
Ein Beispiel dafür ist ihr aktuelles FWF-Projekt zur Industrialisierung von Wäldern in Österreich im 19. Jahrhundert. Hier untersucht sie, mit welchen politischen Entscheidungen, sozialen Konflikten und biogeochemischen Prozessen die Wiederbewaldung in dieser Zeit verbunden war. „Besonders interessant finde ich dabei immer die Frage, wie sich die Verhältnisse zwischen Landnutzung, gesellschaftlicher Ressourcennutzung und Umweltauswirkungen im Zuge der Industrialisierung verändert haben“, so Gingrich. In einer jüngeren Studie hat sich beispielsweise gezeigt, wie die globale Zunahme der tierischen Produktion im Lauf des 20. Jahrhunderts die Emissionen landwirtschaftlicher Aktivitäten immer stärker nach oben getrieben hat.
Sie versteht Umweltgeschichte als eine Schlüsselperspektive für das Verständnis der heutigen multiplen ökologischen Krisen: „Die Auseinandersetzung mit historischen Entwicklungen hilft uns, gegenwärtige Herausforderungen besser einzuordnen und nachhaltige Wege in die Zukunft zu finden“.

Wissenschaftliche Laufbahn und Perspektiven

Simone Gingrich studierte Soziale Ökologie und promovierte 2010 an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Ihre Dissertation beschäftigte sich mit der langfristigen Entwicklung von Ressourcennutzung und Umweltwirkungen im Zuge der Industrialisierung. Nach Forschungsaufenthalten an der Central European University in Wien, der Universität Leeds und der Universität Sevilla erhielt sie 2020 die Venia Legendi an der BOKU mit einer Habilitationsschrift zu den Nachhaltigkeitsproblemen der Landnutzung. Im September 2024 wurde sie zur Full Professor für Umweltgeschichte am Institut für Soziale Ökologie berufen. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit war sie auch als freie Forscherin und Kuratorin am Technischen Museum Wien tätig.

Antrittsvorlesung
Umweltgeschichte im Anthropozän
Univ.Prof.in Dr.in Simone Gingrich

Montag, 24. März 2025, um 17:00 Uhr
BOKU University - Ilse-Wallentin-Haus - SR 29
Peter-Jordan-Straße 82, 1190 Wien
und im LIVESTREAM auf https://youtube.com/live/ais7V_yYNcQ?feature=share

Kontakt
Univ.Prof.in Dr.in Simone Gingrich
BOKU University
Institut für Soziale Ökologie
Email: simone.gingrich@boku.ac.at
Telefon: 01 47654 73724