20.03.2025 - Klimakrise und Gerechtigkeit: Melanie Pichlers Blick auf die soziale Dimension der Energiewende
Die Klimakrise stellt nicht nur technologische oder naturwissenschaftliche Herausforderungen dar, sondern vor allem auch eine gesellschaftliche. Melanie Pichler von der BOKU University untersucht in ihrer Forschung die gesellschaftlichen Chancen und Herausforderungen einer sozial-ökologischen Transformation in Bezug auf die Klimakrise. „Wir analysieren, wie die sozialen Aspekte mit jenen zur Bewältigung der Klimakrise verbunden werden können“, erklärt Pichler im Vorfeld ihrer Antrittsvorlesung am 24. März.
Fossile Energien und sozial-ökologische Transformation
Ein zentrales Forschungsfeld von Pichler ist der Ausstieg aus fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdöl und Erdgas. „In meiner Forschung analysiere ich die gesellschaftlichen – und vor allem politischen – Herausforderungen eines Ausstiegs aus fossilen Energieträgern und entwickle transformative Lösungsansätze“, sagt Pichler. Sie argumentiert, dass es nicht nur um Innovation, also den Ausbau erneuerbarer Energien, gehen kann, sondern auch um Exnovation – die gezielte Regulierung und den Rückbau fossiler Energieträger. Ihre Forschung befasst sich zudem mit den damit verbundenen Machtverhältnissen und Konflikten: Wer unterstützt oder blockiert diese Transformation? Welche politischen Instrumente und Rahmenbedingungen sind notwendig? Wie können soziale Ungleichheiten in diesem Prozess verhindert werden?
Neue Konfliktdynamiken durch erneuerbare Energien
Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien entstehen neue Herausforderungen. Zwar sind sie essenziell zur Eindämmung der Klimakrise, doch ihr Ausbau erfordert Ressourcen wie Lithium, Kupfer oder Kobalt – Rohstoffe, deren Abbau häufig zu sozialen und ökologischen Konflikten führt. Besonders im Globalen Süden, aber auch in Europa kommt es zu Auseinandersetzungen, etwa um Lithium-Minen in Argentinien, Chile oder Serbien. Während massive Umweltzerstörung in den Abbaugebieten stattfindet, profitieren andere Regionen wirtschaftlich von der Weiterverarbeitung der Rohstoffe. Diese globale Ungleichheit ist ein zentraler Aspekt in Pichlers Forschung.
Soziale Sicherheit in der Klimakrise
Ein weiteres Thema ihrer Arbeit ist die Verbindung von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit, bekannt als "Just Transition". Wie kann eine klimafreundliche Zukunft gestaltet werden, die soziale Sicherheit für alle gewährleistet? Pichler plädiert für eine Betrachtung von Versorgungsystemen anstelle isolierter Technologien: Nicht das Auto an sich sollte klimafreundlicher gemacht werden, sondern es muss sichergestellt werden, dass alle Menschen Zugang zu klimafreundlicher Mobilität haben. Dies gilt für Wohnen ebenso, wir für Energie oder Gesundheitsversorgung.
Ein besonderer Fokus ihrer Forschung liegt auf den Auswirkungen der Transformation auf den Arbeitsmarkt. Gemeinsam mit Arbeitnehmer*innen und Gewerkschaften untersucht Pichler, wie der Wandel in Branchen wie der Auto- oder Stahlindustrie sozialverträglich gestaltet werden kann.
Lehre mit gesellschaftlichem Fokus
Pichler bringt ihre Forschungsthemen aktiv in die Lehre ein, insbesondere in den Studiengängen UBRM und CCAST, sowie zukünftig im neuen englischsprachigen Bachelorstudium zur planetaren Krise. Ihr Ziel ist es, Studierenden analytische Werkzeuge an die Hand zu geben, um gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten. Ihre Lehrveranstaltungen setzen nicht darauf vorgefertigtes Wissen zu vermitteln, sondern auf systemisches und kritisches Denken.
Wissenschaftlicher Werdegang
Pichler studierte Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Als erste Akademikerin in ihrer Familie kam sie eher zufällig zur Wissenschaft. Ihre Diplomarbeit zu Biotreibstoffen in Indonesien legte den Grundstein für ihre Forschungskarriere. Nach ihrer Promotion am Institut für Politikwissenschaft arbeitete sie dort als Postdoc, bevor sie ans Institut für Soziale Ökologie wechselte. Besonders schätzt sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Natur- und Sozialwissenschaftler*innen sowie Historiker*innen.
Ihre wissenschaftlichen Arbeiten führten sie mehrfach ins Ausland. Während ihrer Dissertation forschte sie zur Palmölproduktion in Südostasien und analysierte die Rolle des Staates bei der Expansion der Plantagenwirtschaft. Mehrere Monate verbrachte sie in Indonesien, Malaysia und Singapur und untersuchte, wie europäische Umweltpolitik ökologische und soziale Probleme in anderen Weltregionen beeinflusst. 2020 erforschte sie in Laos Konflikte um Aufforstung und Wiederbewaldung. Ihr Forschungsaufenthalt endete hier abrupt mit einem der letzten Flüge vor dem pandemiebedingten Lockdown. Zuletzt verbrachte sie 2022 einen mehrmonatigen Aufenthalt an der Universität Hamburg. 2023 kam Pichler an die BOKU und ist seit September 2024 Professorin für Soziale Ökologie.
Antrittsvorlesung
Gesellschaftliche Herausforderungen einer sozial-ökologischen Transformation
Univ.Prof.in Dr.in Melanie Pichler
Montag, 24. März 2025, um 17:00 Uhr
BOKU University - Ilse-Wallentin-Haus - SR 29
Peter-Jordan-Straße 82, 1190 Wien
und im LIVESTREAM auf https://youtube.com/live/ais7V_yYNcQ?feature=share
Kontakt
Univ.Prof.in Dr.in Melanie Pichler
BOKU University
Institut für Soziale Ökologie
Email: melanie.pichler(at)boku.ac.at
Telefon: 01 47654 73718
