Kompakte Siedlungen mit kurzen Wegen und gutem öffentlichem Verkehr benötigen laut den Forscher*innen weniger Energie und Rohstoffe als Wohngebiete, in denen Menschen für fast jeden Weg ein Auto brauchen. (Copyright: Zoshia Colah/Unsplash)

Alle Menschen mit einem Minimum an angemessenem Wohnraum, Nahrung, sauberem Wasser, Gesundheitsversorgung, Bildung und Mobilität zu versorgen, würde weniger Energie und Rohstoffe erfordern, als derzeit weltweit verbraucht werden. Das zeigt eine internationale Überblicksstudie unter Beteiligung der BOKU University. Eine gerechtere Verteilung der Ressourcen und der rasche Ausstieg aus fossilen Energien sind demnach zentral, um Armut zu überwinden und zugleich das Klima zu schützen. 

Ein internationales Forschungsteam aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich, Indien und den USA hat 96 seit 2018 veröffentlichte Studien zum Ressourcenverbrauch eines „decent living standards“ ausgewertet. Sie untersuchen, wie viel Energie und Rohstoffe nötig sind um die materiellen Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben für alle bereitzustellen.  

An der im Fachjournal Annual Review of Environment and Resources erschienenen Arbeit ist Jan Streeck vom Institut für Soziale Ökologie der BOKU beteiligt. „Unsere Studie zeigt, dass ein menschenwürdiges Leben für alle unter konsequenter Dekarbonisierung kein Problem für Klima und Umwelt ist“, so Streeck. „Problematisch ist der hohe Verbrauch in reichen Ländern. Diese müssen rasch aus fossilen Energien aussteigen und ihren Verbrauch dort senken, wo es dem Wohlergehen der Menschen nicht schadet.“ 

Die Art der Versorgung macht den Unterschied 

Der jährliche Energiebedarf für eine angemessene Grundversorgung liegt den Studien zufolge zwischen 5 und 45 Gigajoule pro Person und Jahr. Selbst der höchste Wert bleibt unter dem heutigen weltweiten Durchschnitt von rund 51 Gigajoule pro Person und Jahr. In Ländern wie den USA oder Luxemburg beträgt der Verbrauch mehr als 200 Gigajoule pro Kopf und Jahr. 

Wie viel Energie gebraucht wird, hängt dabei unter anderem davon ab, wie Wohnen und Verkehr organisiert sind. Kompakte Siedlungen mit kurzen Wegen und gutem öffentlichem Verkehr benötigen beispielsweise weniger Energie und Rohstoffe als Wohngebiete, in denen Menschen für fast jeden Weg ein Auto brauchen. 

Auch die Lücken in der Versorgung mit Materialien für Bau und Produktion wären vergleichsweise ressourcenschonend zu schließen: Um jene Menschen angemessen zu versorgen, denen heute das Nötigste fehlt, wären zusätzlich nur rund 14 Prozent des jährlichen weltweiten Materialverbrauchs erforderlich. Die dafür benötigten Gebäude, Verkehrswege und Maschinen würden die weltweit bereits verbauten und genutzten Materialmengen um etwa zwölf Prozent erhöhen. 

Ernährung und Mobilität als wichtige Ansatzpunkte 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein angemessenes Leben für alle nicht primär daran scheitert, dass es zu wenig Rohstoffe gibt“, sagt Johan Andrés Vélez-Henao, Erstautor der Studie. „Entscheidend ist, wie Gesellschaften Infrastruktur bauen, nutzen und teilen. Ernährung und Mobilität verursachen den größten Teil des Materialfußabdrucks. Besonders große Potenziale liegen deshalb in klimafreundlichen Ernährungssystemen und einem zugänglichen, effizienten öffentlichen Verkehr.“

Beim Verkehr sieht das Forschungsteam zugleich weiteren Forschungsbedarf: Wie viel Mobilität Menschen benötigen, hängt stark von ihrem Wohnort, den Entfernungen im Alltag und den verfügbaren Verkehrsangeboten ab. 

Ein menschenwürdiges Leben für alle gefährdet nicht den Klimaschutz 

Mit ambitionierter Klimapolitik könnten wir bis 2050 allen Menschen eine angemessene Grundversorgung ermöglichen und dabei jährlich weniger als eine Tonne Treibhausgase pro Person und Jahr verursachen. Zum Vergleich: Der weltweite Durchschnitt lag 2024 bei circa 7 Tonnen pro Person und Jahr, in Österreich bei circa 12 Tonnen pro Person und Jahr. Die Angaben umfassen verschiedene Treibhausgase entlang der gesamten Lieferkette (Fußabdruck genannt), umgerechnet in die Klimawirkung von CO₂. 

Voraussetzung dafür ist eine schnelle Abkehr von Kohle, Erdöl und Erdgas – etwa durch erneuerbare Energien und den Ausbau elektrisch betriebener Verkehrsmittel. 

Die Autor*innen betonen, dass die berechneten Werte eine materielle Mindestversorgung beschreiben. Sie sollen weder die Entwicklungsmöglichkeiten ärmerer Länder begrenzen noch starre Konsumvorgaben für wohlhabende Gesellschaften liefern. Die Studie zeigt vielmehr: Armut zu überwinden und das Klima zu schützen, lässt sich verbinden, wenn Ressourcen gerechter verteilt und grundlegende Bedürfnisse effizient und klimafreundlich erfüllt werden. 

Publikation 
Vélez-Henao JA et al.: Future Energy and Material Scenarios Based on Decent Living Standards. Annual Review of Environment and Resources, Vol. 51, 2026. Open Access. 
https://doi.org/10.1146/annurev-environ-011226-035354 

Kontakt 
Dr. Jan Streek, MSc. 
BOKU University 
Institut für Soziale Ökologie 
Email: jan.streeck(at)boku.ac.at 
Telefon: +43 1 47654 73742