05.10.2026 - Frauen gestalten Landwirtschaft – doch Land und Fördermittel sind ungleich verteilt
Bei der 16. Herbsttagung des BOKU Centre of Agricultural Sciences diskutierten Forschende und Menschen aus der landwirtschaftlichen Praxis, was eine gleichberechtigte und zukunftsfähige Landwirtschaft braucht. Im Mittelpunkt standen Eigentum, Hofnachfolge, Förderungen - und oft unsichtbare Arbeit.
Frauen führen landwirtschaftliche Betriebe, treffen Investitionsentscheidungen, entwickeln neue Geschäftsmodelle und leisten Sorgearbeit. Welche Möglichkeiten sie dabei haben, hängt jedoch wesentlich davon ab, ob sie Zugang zu Land, Kapital und Entscheidungen haben. Das zeigte die 16. Herbsttagung des Centre of Agricultural Sciences (CAS) der BOKU University. Unter dem Titel „Gemeinsam ackern – für eine gleichberechtigte und zukunftsfähige Landwirtschaft!“ brachte sie Perspektiven aus Forschung und Praxis zusammen. Anlass war das von den Vereinten Nationen ausgerufene „Internationale Jahr der Bäuerin“.
„Landwirtschaft hat noch nie ohne Frauen funktioniert. Trotzdem werden ihre Leistungen noch immer zu wenig gesehen. Das muss sich ändern. Frauen verdienen neben Sichtbarkeit aber auch die richtigen Rahmenbedingungen – von Bildung, Beratung und Finanzierung bis zu guten Netzwerken.“, betonte Eva-Maria Holzleitner, Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung.
Viel Verantwortung, wenig Eigentum
Wie groß die Lücke zwischen Verantwortung und Eigentum sein kann, erläuterte Zazie von Davier vom deutschen Thünen-Institut für Betriebswirtschaft anhand vielzähliger Bäuerinnenstudien. Viele Frauen seien an strategischen Entscheidungen beteiligt und sähen sich zu Recht als Mitunternehmerinnen. Im Eigentum am Betrieb spiegle sich das oft nicht wider. Traditionelle Familien- und Partnerschaftsmodelle sowie traditionelle Muster bei der Hofnachfolge begrenzten weiterhin den Zugang von Frauen zu Land und Kapital.
Zahlen für Ostösterreich präsentierte Heidi Leonhardt vom Institut für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung der BOKU. Ihre gemeinsam mit Marion Hacek durchgeführte Auswertung von Grundbuchdaten zeigt: Die Mehrheit der untersuchten landwirtschaftlichen Flächen befindet sich im Alleinbesitz von Männern, rund ein Viertel ist im Alleinbesitz von Frauen und rund ein Fünftel in gemeinschaftlichem Besitz. Zwischen 2012 und 2024 stieg der Anteil des männlichen Alleinbesitzes um rund zehn Prozent, während der gemeinschaftliche Besitz nahezu ebenso stark zurückging. „Das wirkt sich direkt auf die Vermögensungleichheit zwischen den Geschlechtern aus“, so Leonhardt.
Auch bei Investitionsförderungen zeigen sich Unterschiede: Von Frauen geleitete Betriebe nutzten zwischen 2014 und 2020 seltener Fördermaßnahmen als von Männern geleitete Betriebe, bei der Art der Investitionen gab es kaum Unterschiede, berichtete Josef Hambrusch von der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen. Welche Rolle Eigentum und Entscheidungsstrukturen dabei spielen, müsse weiter untersucht werden.
Was Feminismus mit Landwirtschaft zu tun hat
Die Bäuerin und Sozialwissenschaftlerin Kirstin Eckstein lenkte den Blick auf grundlegende Fragen der Landwirtschaft: Wessen Arbeit wird als solche anerkannt? Wer verfügt über Land und entscheidet über Investitionen? Ungleichheiten entstünden nicht allein auf individueller Ebene: Sie betreffen die Strukturen der Landwirtschaft. Eckstein plädierte dafür, neben der sichtbaren Produktion auch die oft unbezahlte Sorgearbeit für Menschen, Tiere und Böden als Teil landwirtschaftlicher Wertschöpfung anzuerkennen. „Was wäre, wenn wir nicht nur die sichtbare Produktion als Wertschöpfung betrachten würden, sondern auch die Sorge, die sie überhaupt erst ermöglicht?“, fragte sie.
Innovationen und unsichtbare Arbeit
Dass Frauen bereits an Veränderungen arbeiten, zeigten Stefanie Lemke, Chalotte Voigt, Andrea-Hilke Fröschl und Barbara Stadlmayr vom Institut für Entwicklungsforschung der BOKU. Das europäische Forschungsprojekt SWIFT begleitet von Frauen getragene Initiativen, die sich unter anderem für Geschlechtergleichstellung, soziale Absicherung und die Integration marginalisierter Gruppen in nachhaltigen Ernährungssystemen einsetzen. „Es geht uns darum, diese Initiativen zu stärken und sichtbar zu machen“, sagte Lemke. Eine gemeinsam mit zwölf österreichischen Bäuerinnen gestaltete Foto-, Podcast- und Videoausstellung brachte deren Erfahrungen und Zukunftsvorstellungen in die Tagung ein.
Interaktive Tagungsbeiträge befassten sich zudem mit den Vorstellungen junger Menschen von Gleichstellung und mit der Frage, welche Arbeit in der Landwirtschaft Anerkennung findet. Beim abschließenden Round Table „Who Cares?“ rückte die Sorgearbeit für Menschen, Tiere, Betriebe und soziale Beziehungen in den Mittelpunkt. „Die heutige Diskussion macht deutlich: Wer über die Zukunft der Landwirtschaft spricht, muss auch fragen, wem Land gehört, wer Entscheidungen trifft und wessen Arbeit sichtbar wird“, so Jochen Kantelhardt vom Centre of Agricultural Sciences abschließend.
Die CAS-Herbsttagung wurde gemeinsam mit der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen, der Österreichischen Gesellschaft für Agrarökonomie und dem Institut für Entwicklungsforschung der BOKU University veranstaltet.
Von links: Martin Schönhart (BAB), Heidi Leonhardt (Institut für Agrar-, Umwelt- und Regionalökonomie, BOKU), Josef Hambrusch (BAB), Kirstin Eckstein (Via Campesina), Stefanie Lemke (Institut für Entwicklungsforschung), Zazie v. Davier (Thünen Institut Braunschweig), Christoph Pfeifer (Vizerektor für Forschung und Innovation, BOKU), Siegrid Steinkellner (Leiterin des Departments für Agrarwissenschaften) und Jochen Kantelhardt (Leiter des CAS, BOKU) (© BOKU Medienstelle/Peter Zeschitz)
Über das BOKU Centre of Agricultural Sciences
Das Centre of Agricultural Sciences (CAS) bündelt die agrarwissenschaftlichen Kompetenzen der BOKU. Als Netzwerkplattform stärkt es den Austausch zwischen Forschung, Lehre und Praxis und fördert Kooperationen innerhalb und außerhalb der Universität.
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Univ.Prof. Dr. Jochen Kantelhardt
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